Stolpersteinverlegung am 5. Dezember 2019

21 Stolpersteine kamen am Donnerstag, dem 5. Dezember, zu den 195 bereits in Chemnitz vorhandenen hinzu. Seit mehr als 26 Jahren erinnern Stolpersteine in ganz Europa an Menschen, die Gräueltaten von Nationalsozialisten ausgesetzt waren.
 

Geibelstraße 40

Stolperstein für Gertrud Stern

Die Sozialdemokratin, Freidenkerin und Berufsberaterin Gertrud Stern setzte sich in den 1920er Jahren mit Nachdruck für den Erfolg der im Februar 1919 gegründeten Volkshochschule Chemnitz ein. Sie war die Leiterin der „Arbeitsgemeinschaft für Frauen“. Bis zur Auflösung der Volkshochschule im März 1933 war sie eine der wichtigsten Ansprechpartnerinnen für Frauenfragen in Chemnitz. Aufgrund ihres langjährigen politischen Engagements geriet Gertrud Stern frühzeitig ins Visier der NS-Machthaber und befand sich deswegen vom 9. März bis zum 5. November 1933 in „Schutzhaft“. Als ehemalige Stadträtin wurde sie im Juli 1944 im Rahmen der „Aktion Gitter“ erneut verhaftet und „entging mit knapper Not dem KZ“, wie sie später schrieb. Sie starb am 29. September 1977 in Karl-Marx-Stadt.

 

Pate: Volkshochschule Chemnitz


Yorckstraße 70

Stolperstein für Herbert Kaulfuss

Der Sozialdemokrat Herbert Kaulfuß wurde 1912 als Sohn eines Steinsetzers geboren. Die  Familie bezog Ende der 1920er Jahre eine Wohnung in der Vorstadt Gablenz. Kaulfuß erlernte den Beruf eines Maurers. Frühzeitig setzte er sich für die Ziele der Sozialistischen Arbeiter-Jugend ein. Bleibende Verdienste erwarb er sich durch den Bau der Keilberghütte, zwei Kilometer von Oberwiesenthal entfernt, deren Geldgeber er war. Die Erbauer wurden von den Nationalsozialisten bespitzelt, verfolgt und zum Teil bereits 1933 in „Schutzhaft“ genommen, so auch Kaulfuß. Bereits Ende 1933 entschloss er sich daher, aus Deutschland zu fliehen. Gemeinsam mit einem befreundeten Zimmermann bestieg er am 22. Dezember 1933 in Hamburg ein Passagierschiff. Während der Überfahrt ertrank er vor der Küste Brasiliens.

 

Pate: VVN-BdA Chemnitz


Wiesenstraße 10 (ehemals Wiesenstraße 52)

Stolpersteine für die Familie Frisch

Die Familie Frisch gehörte zu den jüdischen Familien in Chemnitz, die während der Shoa von den Nationalsozialisten ganz ausgelöscht wurden. Der Reisevertreter Jakob Frisch lebte seit 1921 in Sachsen. Im Frühjahr 1923 heiratete er in Wien Ryfka Kirschen. Mit seiner Ehefrau lebte er fortan in der Wiesenstraße 52. In den Folgejahren erblickten dort ihre Töchter Erika und Charlotte das Licht der Welt. Ryfka Frisch erkrankte um 1935 schwer und wurde Ende 1936 in die Landesheilanstalt Hochweitzschen eingewiesen. Die schulpflichtigen Töchter lebten fortan im Jüdischen Kinderheim in Leipzig. Im Januar 1940 wurde Jakob Frisch verhaftet und in das KZ Sachsenhausen verbracht. Ryfka Frisch wurde im Zuge der NS-Krankenmordaktion „T4“ am 19. Juli 1940 in Pirna-Sonnenstein ermordet. Jakob Frischs Leben endete am 4. Juni 1941 in derselben Tötungsanstalt. Erika und Charlotte wurden am 10. Mai 1942 von Leipzig mit einem Transport mitteldeutscher Juden in das Ghetto Belzyce bei Lublin deportiert und dort ermordet.

 

Paten: Kerstin Hermann-Nitz, Rechtsanwälte Georgi & Hartmann, Hanife, Sylejmani


Clara-Zetkin-Straße 1 (ehemals Kasernenstraße)

Stolperstein für Alice Glaser

Alice Glaser war die Wegbereiterin des ersten Jüdischen Kindergartens in Chemnitz. Sie entstammte einer angesehenen Kaufmannsfamilie in der Stadt. Ihr Vater war Mitinhaber des 1889 gegründeten Modehauses Gebr. Wertheimer am Johannisplatz. Alice besuchte die Höhere Mädchenschule. An ihrem 25. Geburtstag vermählte sie sich mit dem Arzt, Sozialhygieniker und Sozialdemokraten Dr. Kurt Glaser. Die Eheleute lebten eine Zeit lang in Berlin, wo ihre Tochter Marianne das Licht der Welt erblickte. Alice Glaser gehörte zu den Frauen, die 1925 eine Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes ins Leben riefen. In dieser Eigenschaft war sie maßgeblich an der Gründung des Kindergartens im Februar 1927 beteiligt. Alice Glaser, die ab 1928 am Bauhaus studiert hatte, lebte zuletzt in Berlin. Am 14. November 1941 wurde die 48-Jährige in das Ghetto Minsk deportiert und dort ermordet.

 

Pate: Montesorri-Schule


Karl-Liebknecht-Straße, hinter Opernhaus (ehemals Bismarckstraße 9)

Stolpersteine für Familie Löwi

Der Uhrmacher Lieber Löwi gehörte zu den Chemnitzer Juden, die die möglichen Gefahren, die ihnen und ihren Familien angesichts der bereits im Frühjahr 1933 eingeleiteten Boykottmaßnahmen im NS-Staat drohten, frühzeitig erkannten und daher dem Land den Rücken kehrten. Im Frühjahr 1920 hatte er sich in Chemnitz mit der Händlertochter Ester Wurzel vermählt. Im Jahr 1926 fanden die Eheleute im Mietshaus Bismarckstraße 9 eine geeignete Wohnung. Lieber Löwi übernahm in dieser Zeit auch das Uhrmachergeschäft, das seine Ehefrau aufgebaut hatte. Ihre Kinder wurden Ende der 1920er Jahre eingeschult. Die Eheleute verließen 1934 das Land und entschieden sich für ein Leben in der Republik Polen. Über ihren weiteren Verbleib können keine zuverlässigen Aussagen getroffen werden. Überliefert ist nur, dass sie im Herbst 1940 in Sędziszów lebten. Die Familie wurde in der Folgezeit in einem der unzähligen Ghettos oder Vernichtungslager im besetzten Polen ermordet.

 

Paten: Tabea Böhme, Ines Schwittaua, Martina Lange, Beate Legler


Bahnhofstraße 74 (ehemals Lange Straße 12)

Stolperstein für Dr. Ernst Martin Müller

Der Arzt Dr. Ernst Martin Müller zählte zu den zahlreichen Juden in Deutschland, die sich angesichts einer drohenden Deportation für die „Flucht in den Tod“ entschieden. Von 1901 bis 1905 absolvierte er ein Medizinstudium in Königsberg. Anfang 1913 beendete Dr. Müller seine Facharztausbildung in Breslau und ließ sich anschließend als Facharzt für Haut- und Geschlechtsleiden in Chemnitz nieder. Die Praxis befand sich im innerstädtischen Geschäftshaus Lange Straße 12. Im Herbst 1926 ging Dr. Müller in München die Ehe mit der Konzertsängerin Helene Maria Winterer, einer Christin, ein. Im September 1938 wurde ihm als jüdischem Arzt von den NS-Behörden die Approbation entzogen. Daraufhin verlegten die Eheleute ihren Wohnsitz nach München. Als im Sommer 1942 fast wöchentlich „Judentransporte“ zusammengestellt wurden, entschied sich Dr. Ernst Müller am 30. August 1942 für den Freitod.

 

Paten: Friedrich Schönemann, Ruth Hellmann


Parkstraße 48a

Stolperstein für Fritz Bernstein

Fritz Bernstein war einer der deutschen Juden, die bereit waren, mit der Waffe in der Hand gegen den NS-Staat zu kämpfen. Er wuchs in einer erfolgreichen Fabrikantenfamilie auf. Hans Bernstein, sein Vater, hatte sich in der Stadt einen Namen gemacht, als er 1927 von den Architekten Kornfeld und Benirschke auf dem Gelände Zwickauer Straße 173/175 für seine Mechanische Wollwarenfabrik ein modernes Fabrikgebäude erbauen ließ. Während der Weltwirtschaftskrise ging die Wollwarenfabrik in Konkurs. Dies hatte auch zur Folge, dass die Familie ihre Villa an der Parkstraße im Herbst 1934 aufgeben musste. Daraufhin emigrierte sie nach Holland. 1935 verlegte Fritz Bernstein seinen Wohnsitz nach London. Am 24. Januar 1940 wurde er in das 97. Pionier Corps der British Army aufgenommen. Seine Einheit war im Großraum Cardiff stationiert. Am 4. August 1942 starb er infolge einer Infektion in einem Militärhospital.

 

Pate: Agricola-Gymnasium


Barbarossastraße 55

Stolpersteine für Familie Nussberg

Die fünfköpfige Familie Nussberg gehörte zu den polnisch-jüdischen Familien aus Chemnitz, die im Zuge der „Polen-Aktion“ (1938) verhaftet und in ihr vermeintliches Heimatland deportiert und dort nach 1941 in einem der zahlreichen Ghettos oder Vernichtungslager der Nationalsozialisten ermordet wurden. Der Kaufmann Samuel Aron Nussberg lebte seit November 1922 in Chemnitz. Im Sommer 1923 eröffnete er im Reitbahnviertel ein Strumpfwarengeschäft. Im Folgejahr vermählte er sich hier mit Frieda Avramovici. Die Eheleute hatten mit Rachela, Manfred Moses und Fany Rosa drei Kinder. Mitte der 1930er Jahre fand die Familie endlich eine geeignete Wohnung auf dem Kaßberg. Am 28. Oktober 1938 wurde die Familie Nussberg mit der Reichsbahn nach Polen verbracht, wo sie in Krakau einen Wohnsitz fand. Am 17. Februar 1941 wurden die Eheleute und ihre Kinder in das Lager Leibitsch verschleppt. Danach verliert sich ihre Spur.

 

Paten: Katja Knop, Markus Eidam, Frank Luge, Dr. Gunnar Müller und Simone Neddermann, Konrad und Beatice Reinhold


Erich-Mühsam-Straße 18 (ehemals Hohenzollernstraße 18)

Stolperstein für Jacob Degen

Michael Degen, Schauspieler und Schriftsteller, verarbeitete in seinem ersten Roman „Nicht alle waren Mörder − Eine Kindheit in Berlin“ (1999) das Schicksal eines Juden im NS-Staat. Darin beschrieb er auch das furchtbare Schicksal seines Vaters. Der Textilwarenhändler Jacob Degen hatte sich Ende 1922 in Chemnitz mit Anna Rosalia Rudolf vermählt. Die Eheleute hatten zwei Söhne. Seit Ende der 1920er Jahre wohnte die Familie auf dem Kaßberg. Später verlegte sie ihren Wohnsitz nach Berlin-Tiergarten. Am 13. September 1939 wurde Jacob Degen verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt, wo er in den Folgewochen aufs Schwerste misshandelt wurde. Am 2. Februar 1940 wurde der Familienvater entlassen. Von den Verletzungen erholte sich Jacob Degen trotz intensiver Pflege nicht mehr. Michael Degen notierte dazu in seinem Roman: „Er starb nach zwei Monaten unter schrecklichen Qualen“ im Jüdischen Krankenhaus in Berlin.

 

Paten: Ralf und Andrea Pötzsch


Flemmingstraße 8

Stolpersteine für Günther Neubauer und Adele Prager

Günter Heinz Neubauer und Adele Prager wurden im Zuge der NS-Krankenmordaktion „T4“ in der früheren Landesanstalt Pirna-Sonnenstein ermordet. Aufgrund ihres Gesundheitszustandes befanden sie sich eine Zeit lang in der Landeserziehungsanstalt Chemnitz-Altendorf. Günter Neubauer wurde am 30. Mai 1940 von dort in die Landesanstalt Arnsdorf überführt, wo sich eine „Zwischenanstalt“ auf dem Weg in den gewaltsamen Tod befand. Nur sechs Wochen später wurde der elfjährige Junge mit zahlreichen anderen Patienten nach Pirna-Sonnenstein verbracht und noch am selben Tag dort vergast.

Adele Prager, die mit einem jüdischen Kaufmann verheiratet war, befand sich aufgrund einer unheilbaren Nervenkrankheit seit 1907 in der Landesanstalt Leipzig-Dösen. Ende 1939 wurde sie nach Chemnitz-Altendorf verlegt. Von dort wurde die Mutter zweier Söhne am 29. Mai 1940 nach Hubertusburg und drei Monate später nach Großschweidnitz gebracht, wo sich weitere „Zwischenanstalten“ befanden. Am 25. September 1940 wurde Adele Prager in die „Euthanasie“-Anstalt Pirna-Sonnenstein verbracht und dort ermordet.

 

Paten: Udo Schreyer, Dieter Nendel