Grußwort

zum Festakt anlässlich der Verleihung des Internationalen Stefan-Heym-Preises der Stadt Chemnitz am 14. April 2008


Es gilt das gesprochene Wort!

 

Sehr geehrter Herr Amos Oz, sehr geehrte Frau Oz,
sehr geehrte Frau Heym,
Ich begrüße herzlich Seine Exzellenz Yoram Ben-Zeev, Botschafter des Staates Israel,
sehr geehrte Generalkonsuln der Republik Polen und Tschechiens,
sehr geehrte Frau Unseld-Berkéwicz,
sehr geehrte Mitglieder des Kuratoriums,
sehr geehrte Mitglieder des Deutschen Bundestages, des Sächsischen Landtages und des Chemnitzer Stadtrates,
sehr geehrte Bürgermeisterinnen und Bürgermeister,
sehr geehrter Herr Dr. Seifert,
sehr geehrte Mitglieder der jüdischen Gemeinde,
sehr geehrte Festversammlung,

vor wenigen Tagen, am 10. April, hätte Stefan Heym seinen 95. Geburtstag gefeiert. Heute verleihen wir zum ersten Mal den Internationalen Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz und tun dies, um einen großen Sohn unserer Stadt zu ehren.

Stefan Heyms Lebensthema war das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft, das Spannungsfeld von Selbstbestimmung und Staatsgewalt. Er suchte und fand es in der Zeit des deutschen Faschismus, im Amerika der 40er und 50er Jahre, er suchte und fand es im real existierenden Sozialismus. Vielleicht aber war es auch umgekehrt, vielleicht suchte und fand es ihn. Seine Reflexionen über Freiheit und Verantwortung, Diktatur und Demokratie führten ihn immer wieder zur Frage nach der Wahrheit. Zur Frage, wie viel Wahrheit es geben kann, wenn sie den Widerspruch nicht aushält. Stefan Heym wollte diesen Dialog. Er wollte die Auseinandersetzung. Er wollte den Streit. Seine Werke spiegeln die Welt für jeden, der sie ohne Verzerrung sehen will.

 

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich freue mich, dass Sie alle heute Abend hier sind und die Botschaft des Stefan-Heym-Preises vervielfachen.

Sehr geehrter Herr Oz,
dass Sie nach Chemnitz gekommen sind, um den Stefan-Heym-Preis persönlich entgegen zu nehmen, ist mir, ist uns große Freude und Ehre.

Als der Stadtrat im vergangenen Juli die Vergabe des Stefan-Heym-Preises beschloss, konnten und wollten wir nicht wissen, welche Entscheidung das Kuratorium treffen würde. Mein herzlicher Dank gilt den Mitgliedern dieses Gremiums, Prof. Jutta Limbach als Präsidentin a.D. des Goethe-Instituts, Prof. Dr. Johano Strasser, dem Präsidenten des P.E.N.-Zentrums Deutschland, Johannes Jacob für den Bertelsmann Verlag, Dr. Jörg Bilke für die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte, Bürgermeisterin Heidemarie Lüth, Stadträtin Cornelia Knorr und Stadtrat Horst Wehner.

Ich danke Ihnen für ihr exzellentes und im Übrigen einstimmiges Votum. Sie hätten keine bessere Wahl für den ersten Preisträger treffen können, um Stefan Heym zu gedenken. Beide - Stefan Heym und Amos Oz - sind gleichermaßen kritische Beobachter und politisch handelnde Bürger.

 

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
So ist es wohl auch schon 1931, als der Chemnitzer Schüler Helmut Flieg sein kritisches Gedicht über die Entsendung deutscher Offiziere in die chinesische Armee zur "Volksstimme" trägt. Es folgt die Relegation vom Gymnasium, bald darauf die Emigration des jüdischen Kaufmannsohnes vom Kaßberg. Von Prag aus geht Stefan Heym, wie er sich jetzt nennt, zum Studium nach Chicago, wird Journalist.

Im Dienst der US-Armee kommt er schließlich wieder nach Deutschland. In Chemnitz sucht er nach den Spuren seiner Kindheit, seiner Familie, den Spuren gewesener Vertrautheit. Es ist, wie Amos Oz in seiner "Geschichte von Liebe und Finsternis" erzählt: Erinnerungen treiben uns an. Und sie treiben uns um. Ein Leben lang.

Bis 1952 bleibt Stefan Heym in den USA, dann kann und will er dort nicht mehr leben. Als überzeugter Antifaschist siedelt er in die DDR über. Doch auch hier verlassen ihn sein Lebensthema und sein Leitmotiv nicht. Auf der Suche nach Wahrheit stößt er zunehmend auf Widersprüche. Und - er sucht den Widerstreit. Dies beschert ihm unter anderem 1979 den Ausschluss aus dem Schriftstellerverband.

Die Wende erlebt Stefan Heym, wie so viele, als ein Ereignis, das die Welt von einem Tag auf den anderen veränderte - und doch nicht für jeden den Aufbruch in ein neues Leben bedeutet. Stefan Heym bleibt kritisch und unbequem. Seine Rede als Alterspräsident des Deutschen Bundestages 1994 ist dafür ein beredetes Zeugnis und zugleich Aufforderung zur Auseinandersetzung.

 

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
im Jahr 2001 wird Stefan Heym Ehrenbürger seiner Geburtstadt. Erst im vereinten Deutschland haben Oberbürgermeister Dr. Peter Seifert und die Stadträte die Möglichkeit, Stefan Heym diese Auszeichnung zuteil werden zu lassen. Den Festakt und die Begegnung mit ihm und seiner Frau werde ich nie vergessen. Ich hatte den Eindruck, dass ihm die Ehrenbürgerschaft wirklich etwas bedeutet hat. Und vielleicht - das wünsche ich mir - hat es ihn mit seiner Heimatstadt versöhnt. Dass Sie, liebe Frau Heym, unserer Stadt verbunden geblieben sind, dafür danke ich Ihnen sehr.

 

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
wer als Autor die Wahrheit sucht, muss gegenwärtig sein. Nicht in seinen Stoffen, nicht in seinen Figuren - wohl aber in seinem Blick auf die Welt. Unbestechliche Betrachtung ist der Schlüssel, der die Tür zur Erkenntnis öffnet.

So ist dies auch bei Amos Oz - ohne Zweifel einer der herausragendsten Schriftsteller unserer Zeit. In seinen Werken verschmelzen Beobachtungsgabe und das Gespür für die politische Kultur mit brillanter Sprache. Schicht für Schicht trägt Amos Oz das Offensichtliche ab, um das Wesentliche zu finden. Wie Stefan Heym spiegelt er dabei häufig die große Welt im Kleinen. Betrachtet Beziehungen oder Familien, um zu zeigen, dass politische Verhältnisse oder soziale Konflikte ähnlichen Mustern folgen.

"Hölle wie Paradies kann man in jedem Zimmer finden", schreibt Amos Oz. "Hinter jeder Tür. Unter jeder Ehebettdecke. Das ist so: Ein wenig Bosheit - und der Mensch bereitet den Menschen die Hölle. Ein wenig Mitgefühl, ein wenig Großzügigkeit - und der Mensch bereitet dem Menschen das Paradies."[1]

 

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Stefan Heym und Amos Oz, sie schenken uns jene Erkenntnis, die unbedingte Voraussetzung der Wahrheit ist. Unsere Vergangenheit ist Teil unserer heutigen Identität. Die Konfrontation mit dem, was war, und dem, was ist, bedeutet keinesfalls die Lösung aller Konflikte.

Die Literatur aber hilft uns, auszuhalten, was wir sehen. Zugleich schärft sie den Blick für jene Fragen, die zu allen Zeiten und unter allen Umständen die entscheidenden bleiben. Es sind die Fragen nach Moral und Haltung, nach Integrität und Verantwortung, nach Mut und Menschlichkeit.

 

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
wir verleihen heute zum ersten Mal den Internationalen Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz. Wir tun dies, um einen großen Sohn unserer Stadt zu ehren. Wir tun dies aber auch in dem Wissen, dass jene Werte, für die diese Auszeichnung steht, immer wieder unser aller Aufmerksamkeit verlangen.

Ich danke Ihnen.