Vom Schatten ins Licht

Anke Neumann

Macherin der Woche vom 17. Dezember 2021

Eine Schmuddelecke wird schick gemacht: Der Tunnel am Hauptbahnhof, im Volksmund »Bazillenröhre« genannt, steht kurz vor der Fertigstellung. Seit dem Frühjahr wurde der Durchgang unter dem Hauptbahnhof, der die Mauerstraße mit der Dresdner Straße verbindet, saniert. Komplett wird der Fußgängertunnel aber erst mit dem Lichtkonzept und der Wandgestaltung nach der Idee von Anke Neumann. Im Macherin-der-Woche-Interview erzählt sie, was Licht für sie bedeutet und wie sie darauf kam, eine Kraftklub-Liedzeile an die Wand zu hängen.


Welche Intention verbirgt sich hinter Ihrem Konzept für den Tunnel?
Anke Neumann:
Ich wollte den Tunnel so mit Licht versorgen, dass er nicht nur funktional ist, sondern auch schön. Das Ziel war, dem Tunnel optisch diese Länge zu nehmen und den Raum angstfreier zu machen. Es war ja immer so ein Muschepupu-Licht, und dadurch war es immer verdreckt. Und das lud natürlich zur Verunstaltung ein. Es soll aber doch angenehm sein, dort durchzugehen.

Wie setzen Sie das genau um?
Durch indirektes Licht. Der Tunnel ist ja recht flach und ich wollte, dass sich die Decke höher anfühlt. Am liebsten hätte ich das Licht seitlich am Übergang zum Ziegelmauerwerk gesetzt, doch das ließ sich technisch nicht umsetzen. Nun befindet sich das Lichtband oben an der Decke. Wenn die Buchstaben dran sind, stelle ich es mit den Lichttechnikern so ein, dass sich das Licht bewegen wird. Es wechselt von kaltweiß zu warmweiß und zurück. Das soll an einen Himmel erinnern, wenn die Wolken ziehen, oder an einen Wald, in dem die Bäume Schatten werfen. Es soll ein kleines Erlebnis werden, dort durchzulaufen.

Wie kamen Sie zu diesem Projekt?
Ich war gerade erst wieder zurück in Chemnitz und wurde von Akteuren vom Sonnenberg zu einem Künstlergespräch eingeladen. In dem Zusammenhang erfuhr ich von dem Einsatz der Bewohner für eine angstfreie Verbindung zur Stadt. Zufällig am nächsten Tag war eine Begehung und ich bin einfach hingegangen. Als dann nach der künstlerischen Gestaltung gesucht wurde, habe ich mir auch Gedanken dazu gemacht. Es ist quasi zu mir gekommen. Da bin ich den Akteuren des Sonnenbergs wirklich dankbar, dass sie sich so dafür eingesetzt haben, dass der Tunnel umgestaltet wurde und heute nicht geschlossen ist.

Das Stadtplanungsamt hatte 2014 ein Integriertes Handlungskonzept erstellt, um im Zeitraum 2015 bis 2022 die Entwicklung benachteiligter Stadtteile mit Fördermitteln der EU zu unterstützen. Mit Bewohnern des Sonnenbergs wurden Ideen für den Fußgängertunnel entwickelt und schließlich ein Wettbewerb für Künstler:innen gestartet. Diesen gewann Anke Neumann 2015. Nach Aufnahme in das Förderprogramm konnte 2016 mit der Planung begonnen werden, der Förderantrag wurde 2018 genehmigt. 80 Prozent der Kosten werden durch europäische Fördermittel getragen. Mit der eigentlichen Sanierung konnte erst begonnen werden, nachdem der neue Personentunnel vom Hauptbahnhof – in unmittelbarer Nähe zur Bazillenröhre – fertiggestellt war. In zwei Bauabschnitten wurden seit Juni 2020 die Eingangsbauwerke sowie die Tunnelröhre saniert. Im November 2021 konnte der Tunnel schließlich freigegeben werden, der in diesen Tagen mit dem Anbringen der Buchstaben vollendet wird.

Welche Rolle spielen die Buchstaben in Ihrem Konzept?
Durch das Vertikale der Buchstaben wird der Tunnel visuell verkürzt. Die Buchstaben sind grellweiß, damit sie das Restlicht von oben auffangen. Ein Buchstabe ist jeweils etwa 1,40 Meter groß. Sie hängen ziemlich weit auseinander, weil wir ja die Länge von mehr als 200 Meter schaffen müssen. Auf der einen Seite kommt ›Ich wär' gern weniger wie ich‹, auf der anderen Seite ›ein bisschen mehr so wie du‹.

Warum gerade dieser Spruch, der aus dem Kraftklub-Lied »Wie ich« stammt?
Die Idee hatte ich, als ich bei einem Kosmonaut-Festival war und ein Kraftklub-Konzert gesehen habe. Da hatte ich mir schon Gedanken gemacht über den Tunnel und die Buchstaben waren auch schon klar. Ich wusste nur noch nicht was. Da gibt es ja Millionen Möglichkeiten. Und dann dachte ich: Nee, das ist doch geil. Ein Zitat von einer jungen Chemnitzer Band, die auch über die Grenzen von Chemnitz hinaus bekannt geworden ist. Und ich finde die Jungs gut. So kann man sie ein bisschen ehren, ohne ihnen gleich ein Denkmal setzen zu wollen. Und gerade diese Textstelle hat es mir angetan.

Warum?
Der Text ist heute sogar noch viel aktueller, viel passender als vor sechs Jahren. Vielleicht hatte das seinen Sinn, dass das bis jetzt gedauert hat. Heutzutage sind die Leute alle so auf sich bezogen. Und keiner versetzt sich in den anderen und fragt sich: Warum haben die eine andere Meinung? Ich finde es wichtig, Andersartigkeit nicht abzustempeln, sondern das mal ein bisschen reinzulassen in sein Leben. Manchmal steckt man fest in seinem Denken. Kriege gehen los, weil die einen die anderen nicht verstehen.

Was sagt die Band dazu, dass Sie die Liedzeile verwenden?
Ich habe die Musiker natürlich damals gefragt, ob ich es verwenden darf. Sie fanden die Idee gut.

Wussten Sie, dass Sänger Felix Kummer in seinem jüngst veröffentlichten »Der letzte Song (Alles wird gut)« ausgerechnet folgende Zeile singt: ›Doch meine Texte taugten nie für Parolen an den Wänden‹?
Wirklich? Das ist ja witzig. Wenn ich den mal treffe, dann sage ich: Stimmt doch gar nicht. Wobei: Alles wird gut – das hätte mir auch gefallen. Aber die Buchstaben sind ja längst fertig.

Sind Sie Künstlerin oder Handwerkerin?
Studiert habe ich Design, ich bin Flächen- und Textildesignerin. Aber schon während des Studiums habe ich mich auf Papier und Licht spezialisiert. Am besten gefällt mir: Gestalterin. Denn ich gestalte Räume, ich gestalte Objekte. Künstler klingt immer gleich so abgehoben. Aber ich bin eben auch eine Handwerkerin, denn ich stelle Papier mit meinen Händen her. Ich versuche mittels des Lichtes, das Material Papier hervorzuheben beziehungsweise es salonfähig zu machen. Es ist wie eine Symbiose. Das Papier kommt durch das Licht zur Geltung, und das Licht wiederum durch das Papier. Das ist fast schon poetisch.

Anke Neumann ist gebürtige Chemnitzerin und war bereits als Jugendliche in der Schneeberger Zeichenförderklasse, in der sie unter anderem auch von Steffen Volmer unterrichtet wurde. 1998 begann sie ihr Studium in Berlin-Weißensee. Unter anderem hat sie zehn Jahre in Jena gelebt. Seit 2004 ist sie selbstständig, ihr Atelier befindet sich am Fuße des Sonnenbergs.

Und das sind üblicherweise Auftragswerke oder machen Sie Ausstellungen?
Bei mir melden sich Menschen, die einen Raum haben, in dem sie etwas Besonderes haben wollen, etwas, das schönes Licht macht. Meine Arbeiten liegen irgendwo zwischen Skulptur und Lichtobjekt. Es sind Objekte, die leuchten. Oft berate ich die Menschen: Was passt zu dem Raum, was passt zu den Leuten. Ich bin auch auf Messen unterwegs. Selbst ausgestellt habe ich auch schon, zum Beispiel im Schloss Lichtenwalde.

Da ist aber die Arbeit im Tunnel eine ganz neue Richtung, oder?
Das war auf jeden Fall für mich eine Herausforderung. Es ist ja trotzdem ein Raum. Aber ein öffentlicher Raum. Das wollte ich auch mal probieren. Dadurch, dass ich mit Papier arbeite, ist immer der Innenraum für mich interessant. Das ist das erste Mal, dass ich rausgehe.

Was ist dabei anders?
Nun, ich arbeite da wie eine Planerin. Ich muss mir etwas vorstellen und dann gucken, wie wir das umsetzen können. Da haben ja viele mitgearbeitet. Das Tiefbauamt hat unten alles schick gemacht, die Wände sandgestrahlt. Das Konzept, die Beleuchtung und die Buchstaben für den Tunnel sind meine Idee. Die Beleuchtungskomponenten liefern Lichttechniker – übrigens ist das die gleiche Firma, die die Lichttechnik für die bunte Esse übernommen hat. Und für die Buchstaben, die übrigens einen Graffiti-Schutz haben, wollte ich unbedingt den Schlossermeister Thomas Altenkirch. Er ist Gestalter im Handwerk und hat zum Beispiel auch das ‚Zuhause‘ auf dem Brühl gebaut.

Haben Sie Sorge um Ihr Kunstwerk, weil es sich im öffentlichen Raum befindet?
Nein. Es wäre schon schön, wenn da nicht wieder wie wild gesprüht wird. Aber es ist ein öffentlicher Raum. Ich bin sehr gespannt, wie es sich entwickelt. Klar kommt da bestimmt wieder was ran, aber ich denke, nicht mehr so in dem Umfang wie vorher. Weil: Überall, wo es duster ist und dreckig, ist die Schwelle, das zu verunstalten viel geringer. Es wäre schön, wenn das von Hand behauene Porphyrgestein wertgeschätzt wird. Der Tunnel steht immerhin unter Denkmalschutz.

Können Sie sich noch daran erinnern, wann Sie das erste Mal durch den Tunnel gelaufen sind?
Oh, da war ich jung, 14 oder 16 vielleicht. Aber ich hab’ keine wirkliche Erinnerung mehr daran. Das war einfach ein Muss, man musste halt, wenn man da langgegangen ist, durch. Ich kenne nur so Geschichten, dass Kumpels von mir mit dem Trabi durchgefahren sind.

Was bedeutet Licht für Sie?
Licht ist alles, es ist lebensnotwendig. Ohne Licht wächst keine Pflanze. Es hat mich schon als Kind interessiert, wie sich der Mensch in seinen eigenen vier Wänden mit Licht umgibt. Licht belebt einen Raum. Und ein gutes Licht kann Emotionen wecken. In meinem Wohnraum gibt ganz viele Lichtstellen. Ich habe es gern, verschiedene Lichtstimmungen erzeugen zu können. Und es ist schön zu wissen: Nebenan, da ist ein Licht.

Wo sehen Sie die Stadt im Kulturhauptstadtjahr?
Gerade im Zusammenhang mit dem Tunnel sehe ich da einiges auf uns zukommen. Vor allem der Sonnenberg wird noch richtig aufblühen und da ist eine ansehnliche Verbindung zur Innenstadt ganz wichtig. Ich bin gespannt auf das Kulturhauptstadtjahr, allerdings hoffe ich sehr, dass sich Chemnitz seinen eigenen Charme bewahrt.

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