Im Gespräch bleiben

Liebe Chemnitzerinnen und Chemnitzer,

die letzten Wochen lassen kaum jemanden unberührt. Da ist das Mitgefühl für die Familie des Opfers einer Gewalttat. Und eine in den ersten Tagen nach der Tat so aufgeheizte Stimmung in der Stadt, dass die Ruhe für die Trauernden kaum möglich scheint.

Ich bin allen dankbar, die durch ihr Handeln, egal an welcher Stelle, zur Besonnenheit beitragen.

Der gewaltsame Tod eines Chemnitzers hat neben der Trauer auch andere Gefühle zum öffentlichen Ausbruch gebracht: Wut, Angst, Empörung.

Diese Gefühle haben Gründe. Und darüber sollten Sie reden, nicht nur im Bekanntenkreis. Wenn Sie wollen, dass ihre Gründe die Chance haben, anzukommen, dann lassen Sie sich auf weitere Gespräche ein. In Ihrem Betrieb, wo man vielleicht bald ausländische Fachkräfte braucht, im Verein, in der Kirchgemeinde, in Gesprächsrunden, die in den nächsten Wochen angeboten werden. Viele Initiativen gibt es schon, andere finden sich gerade. Haben Sie den Mut, auch dort hinzugehen, wo Sie auf Menschen treffen, deren Meinung Sie nicht schon kennen.

Der gewaltsame Tod eines Chemnitzers hat auch etwas öffentlich gemacht, so dass alle, die Haltung und Geschichtsbewusstsein haben, alarmiert und entsetzt sind. National und international waren Bilder aus Chemnitz zu sehen mit brüllenden Menschen, die vor dem Karl-Marx-Kopf den Hitlergruß zeigten. Und dieses Bild wird sich erst einmal einprägen. Weil Chemnitz vorher kaum wahrgenommen wurde.

Diejenigen, die den Hitlergruß zeigen und brüllen, sie seien das Volk, haben darauf gewartet, einen mobilisierenden Anlass und eine breite Öffentlichkeit zu bekommen. Dabei geht es gar nicht um Trauer, sondern um den Missbrauch von ehrlicher Anteilnahme.

Wer in Chemnitz lebt, wer sich dieser Stadt verbunden fühlt, der kann nicht sagen, er wisse nicht, wozu es führen kann, wenn die Hitlergrüßer die Lautesten sind.

Die Stadt sind wir. Bürger  unterschiedlicher Generationen, Lebenseinstellungen, Ideen und Meinungen. Unsere gemeinsame Basis sind die Regeln des Rechtsstaates, die Freiheiten und Grenzen, die er setzt. Ein Rahmen, in dem für alle, die sich daran halten, Platz ist.

So wie uns die deutsche Wiedervereinigung nicht in den Schoß gefallen ist, ist der Rechtsstaat keine Selbstverständlichkeit. Es gibt nur wenige Staaten auf der Welt, in denen die Menschen so leben können wie wir.

In Chemnitz haben rechte Gruppen den Rechtsstaat herausgefordert. Sie wollen den Staat vorführen, um das Vertrauen der Bürger z. B. in die Polizei zu untergraben. Dass das nicht gelingt, hängt davon ab, ob das Gewaltmonopol des Staates eindeutig und anhaltend durchgesetzt
wird.

Aus Gesprächen in den vergangenen Tagen ist mir deutlich geworden, dass ich die Sorge und auch die Wut, die Straftaten durch Migranten bei einer Reihe von Menschen auslösen, in Chemnitz unterschätzt habe.

Das Sicherheitsgefühl in der Innenstadt hat sich seit 2016 insbesondere bei Frauen und älteren Chemnitzern verändert. Wir haben mit mehr Streifen von Polizei und Stadtordnungsdienst,
einer mobilen Wache im Stadthallenpark, dem Parksommer und der großflächigen  Videoüberwachung darauf reagiert.


Was Chemnitz ist, hängt ebenso von uns ab. Nicht zuletzt, weil Chemnitz viel mehr ist als die Bilder, die in den vergangenen zwei Wochen veröffentlicht wurden. Eine Stadt, die Schicksalsschläge gemeistert hat. Ein lebenswerter Ort mit wunderbaren Kultureinrichtungen, einer wachsenden kreativen Szene, starken Sportvereinen, Initiativen für sozialen Zusammenhalt, freie Träger, großartige Vereine in allen 39 Stadtteilen, eine internationale Universität und Forschungseinrichtungen und Unternehmen, die unser Können auch in die Welt exportieren. Eine Stadt mit fleißigen, liebenswerten, aufrichtigen Menschen. Vieles ist noch hinzuzufügen. Wenn Sie Zeit und Lust haben, dann beschreiben oder fotografieren Sie »Ihr« Chemnitz. Was macht die Stadt für Sie aus? Schicken Sie mir Ihr Chemnitzbild.

Demonstrieren Sie, wie z. B. am vorigen Freitag bei Beethovens 9. Sinfonie, was und wer Chemnitz ist. Gehen Sie bewusst in die Innenstadt, ins Museum, ins Kino, zum Einkaufen, in ein Restaurant und zeigen Sie: Das ist unsere Stadt. So wie zum Hutfestival, zum Weinfest oder den Modenächten.


Barbara Ludwig
Oberbürgermeisterin

Weitere Statements zu den Geschehnissen in Chemnitz

aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport

»Mit großer Besorgnis beobachtete ich die Vorgänge in der Partnerstadt Chemnitz. Düsseldorf steht an der Seite von Chemnitz, im Kampf gegen rassistische und ausländerfeindliche Hetze und Ausschreitungen.  ... «

Thomas Geisel,
Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf

 

» Die Mitarbeiter der Kunstsammlungen Chemnitz und ich empfinden tiefes Mitgefühl für die Angehörigen des getöteten Mannes und verurteilen auf das Schärfste die daraus entstandenen gewalttätigen Auseinandersetzungen. ... «

Dr. Frederic Bußmann,
Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz

 

»Mit Bestürzung haben wir den schrecklichen Mord und das anschließende Geschehen in der Stadt Chemnitz verfolgt. Das ist alles so gar nicht vereinbar mit den sehr positiven Eindrücken, die wir im Rahmen der Basketball-U20-Europameisterschaft in Chemnitz gewinnen durften. ... «

Ingo Weiss,
Präsident Deutscher Basketball Bund


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"Chemnitz ist weder grau noch braun" ist eine Aktion engagierter Bürger, Unternehmer und Wissenschaftler.