Laudatio

zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Chemnitz an Herrn Dr. Peter Seifert am 4. November 2016

Es gilt das gesprochene Wort!


Sehr geehrte Festversammlung,

vom zu Ehrenden wurde ich gebeten, die Festrede zu halten.

Es ist mir eine Ehre und eine anspruchsvolle Aufgabe dies für meinen Amtsvorgänger zu tun. Und es ist das zweite Mal, dass ich im Rahmen einer Ehrung eine Laudatio auf ihn halte. Und wie könnte es auch anders sein, gibt es große inhaltliche Übereinstimmungen.


Das Hupkonzert

Spontane Hupkonzerte, sehr geehrte Festversammlung sind Ausdruck ekstatischer, außerordentlicher Freude und Begeisterung.

Wie bei der Fußball-WM, wenn Deutschland gewinnt und eine Runde weiter darf. Oder Weltmeister wird.

Als in unserem Land solche kollektiven Freudenausbrüche noch nicht kultürlich waren, fand in Chemnitz 1993 wegen einer Stadtratsentscheidung ein solches spontanes Hupkonzert statt.

Vielleicht das einzige dieser Art jemals in Deutschland wegen einer Stadtratsentscheidung.

Am 15.09.1993 wurde Dr. Peter Seifert zunächst von der Stadtverordnetenversammlung zum amtierenden Oberbürgermeister gewählt.

Wenn Chemnitz Anfang der 1990er Jahre Schlagzeilen machte, dann waren meist Skandale und Chaos in der Stadtspitze oder dem Stadtrat  der Inhalt.

Chemnitz, das Tal der Tränen. Ein williges Opfer, oft der Lächerlichkeit zugeführt.

Und deshalb empfanden viele Chemnitzer die Wahl von Peter Seifert als Erlösung und große Hoffnung für ihre Stadt.


Deshalb das Hupkonzert, als im Radio berichtet wurde, was viele erhofften: Endlich hat der Stadtrat richtig entschieden. Endlich hat auch Chemnitz einen OB, dem man zutraut, dass er es kann.

Ich war gerade mit meinem Auto in der Innenstadt unterwegs. Diesen euphorischen, kollektiven Gefühlsausbruch der Chemnitzer an der Autohupe fand ich großartig.

Aber ist die Hupe nicht ein Warnsignal? Auch an den Gewählten? Heiße Euphorie – die die abgekühlte Enttäuschung bereits in sich trägt.

Ja, sachlich betrachtet: Erlösung  außerhalb der Kirche zu erwarten, von einem Oberbürgermeister, ist nicht nur in einer Stadt, die einige Jahrzehnte Karl-Marx-Stadt hieß, eine uneinlösbare Sehnsucht. Aber die Hoffnung darauf, dass jetzt ein Macher an der Stadtspitze steht, der es kann, ist einlösbar.


Peter Seifert wird seine Chemnitzer nicht enttäuschen. Er hatte das Kreuz, seine Stadt gemeinsam mit dem Stadtrat, den Bürgermeistern und der Stadtverwaltung neu aufzustellen.

Die Chemnitzer hatten nun auf den Richtigen gesetzt. Er hat einen Plan für die Stadt. Endlich.

Einen 7-Punkte-Plan, den er bis zur Wahl 1994 umgesetzt haben will. Damit gewinnt er Profil und den Mut der Unternehmer, auf Chemnitz zu setzen.

Und  das Vertrauen der Chemnitzer in ihre Stadtführung und in die junge Demokratie. Er ist voller Energie, Ideen und Tatendrang.

Und er verlangte sich alles ab. Ein 14-Stunden-Arbeitstag wird für viele Jahre sein Pensum.


Die Direktwahl durch die Bürger findet am 12. Juni 1994 statt. Mit 73 % wird Peter Seifert zum ersten Mal von den Chemnitzern zu ihrem Oberbürgermeister gewählt. 2001 wird er mit fast 70 % wiedergewählt.

Gehupt wird nun nicht mehr für ihn. Es ist jetzt irgendwie klar, dass es nur diesen Oberbürgermeister für Chemnitz geben kann.

Er ist ganz selbstverständlich der Oberbürgermeister. „Der Seifert macht das schon“, heißt es oft in der Stadt. Und genau das weiß er.

 

Das Amt

Ich habe Peter Seifert 1991, zwei Jahre vor seiner Amtsübernahme, das erste Mal erlebt. Wir waren im selben SPD-Ortsverein.

Was sofort auffiel, war seine natürliche  Autorität. Wenn Peter Seifert sprach, wurde zugehört und es hatte Gewicht, was er sagt.  Das war 1991 so und das blieb so. Eigentlich überall, wo ich ihn in den folgenden rund 25 Jahren erlebt habe.

Für diese Laudatio habe ich überlegt, ob sich Peter Seifert durch das Amt wesentlich verändert hat. Ich denke: Nein.

Er kam als ausgeprägte, starke Persönlichkeit ins Amt. Mit vielen entscheidenden Stärken und einigen Schwächen. Die hat jeder Mensch, sonst ist er keiner.

Aus dem parteilosen Doktoringenieur und Betriebsleiter des Messgerätewerkes Zwönitz wird, durch die historische Zäsur der glücklichen Wiedervereinigung, im Eilverfahren ein Politiker.

Die zunehmenden Erfahrungen im Amt untermauerten seine Wirkungskraft.


Die Begegnungen mit vielen Persönlichkeiten der Zeitgeschichte – von Willy Brandt bis Wladimir Putin – berührten und bestärkten ihn in seinem Tatendrang.

Mit Durchsetzungskraft sortierte er die Verwaltung neu.

Seine nachdrückliche Kompetenz überzeugte und trug z. B. mit dazu bei, dass der  Volkswagenkonzern in Chemnitz investiert. Insbesondere Prof. Carl Hahn, damals Vorstandsvorsitzender, traf diese Entscheidung. Er wollte seinen Beitrag leisten, damit die deutsche Wiedervereinigung eine Erfolgsgeschichte wird.

Heute ist das VW-Motorenwerk mit seinen rund 1700 Beschäftigten das leistungsfähigste Werk seiner Art in der VW-Familie weltweit.

Mit Weitblick wurde die Stadtplanung unter Führung von Oberbürgermeister Seifert zur Standortpolitik. Mehrere Gewerbegebiete entstanden und ermöglichten vielen Unternehmen eine nationale und internationale Aufstellung.

Mit Gefühl, Geschichtsbewusstsein und Einsatz förderte Peter Seifert die jüdische Gemeinde. Dem Neubau einer Synagoge in Chemnitz nahm er sich ganz persönlich an. Die Einweihung ist nun schon über ein Jahrzehnt her. Die Juden haben in Chemnitz wieder einen festen Ort. Es gibt heute über 600 Gemeindemitglieder.

Inzwischen auch einen jüdischen Kindergarten. In Chemnitz werden wieder Juden geboren. Fast ein Wunder. Wunderbar.


Beharrlichkeit ist ebenfalls eine Eigenschaft, die Peter Seifert mitbrachte und gut brauchen konnte.

Z. B. beim Entstehen einer neuen Chemnitzer Innenstadt. Mehrere Entwürfe, lange Diskussionen und rund zehn Jahre später – also um 2000 – nahm die neue Mitte Gestalt an.

Entscheidend war, dass es Herrn Seifert gelang, die Investoren verschreckenden, mit immer neuen Ansprüchen gespickten Diskussionen im Stadtrat in die richtige Bahn zu lenken und damit zu beenden.

Führende Architekten Deutschlands, einige hab ich in den letzten 10 Jahren getroffen, hatten sich über die ehemalige K-M-Stadt Gedanken gemacht und Pläne vorgelegt.

Und – so der Eindruck aus der Zeit – je mehr Ideen auf dem Tisch lagen – umso weniger wusste der Stadtrat – was gut und richtig ist.

Der Kraftakt gelingt schließlich.


Unser Rathaus – eines der wenigen erhalten gebliebenen historischen Gebäude –  IST wieder DIE Lebensmitte der Innenstadt:

Dieser schöne Saal in der Mitte der Stadt bekam vor 100 Jahren mit dem Gemälde von Max Klinger eine unverwechselbare Aura, zeitlos.

Dem Titel „Arbeit, Wohlstand, Schönheit“ folgt in gewisser Weise das Konzept für die neue Mitte der Stadt. Verbunden mit dem alten Chemnitz und der Architektur der Karl-Marx-Stadt ein hoher passender Anspruch.

Peter Seifert selbst sagt zur Innenstadtbebauung  „wenn das schiefgegangen wäre, hätten mich die Chemnitzer Bürger mit dem Knüppel aus der Stadt gejagt.“


Und weil ich Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, gerade auch textlich mit im Stadtverordnetensaal habe, so bleiben wir ein wenig dabei:

In 13 Amtsjahren waren es über 130 Stadtratssitzungen, die Oberbürgermeister Seifert, flankiert von den halbnackten Schönheiten Max Klingers, leitete:

Souverän, kurzweilig, launig-humorvoll – wenn er dazu aufgelegt war – , fordernd und eindringlich – wenn es wichtig war. Lange ausufernde Reden mochte er nie.


Er kam schnell auf den Punkt und zeigte Haltung. Die Stadträte mochten das. Aber nicht alle taten es ihm gleich.

Die breite Wertschätzung aus der Bürgerschaft war für ihn Antrieb und zugleich Mittel, das er gut dosiert einsetzte, um sich mit seinen Plänen im Stadtrat durchzusetzen.

Oder anders gesagt: Für eine Sache, von der er überzeugt war,  setzte er seine Macht gezielt ein. Dabei brachte er die Stadträte gelegentlich an den Rand der Leistungsgrenze. Und er machte nicht nur Druck, sondern auch Tempo. Oft konnte es ihm nicht schnell genug gehen.

Dass der Beschluss zur Ehrenbürgerschaft von fast allen Fraktionen übergreifend getragen wird, zeigt das in diesem hohen Haus höchste was es geben kann: Respekt und Anerkennung vor und für die gemeinsame Leistung über Parteigrenzen hinweg.

Die Ehre, die Herrn Seifert heute zu Teil wird, ist auch eine Ehrerweisung an alle ehrenamtlichen Stadträte, die durch ihre Entscheidungen die Stadt voran gebracht haben.

Sie steht somit auch symbolisch für die Aufbauleistung jener Zeit.


Der Sprint

Der zukünftige Ehrenbürger ist, werte Festgäste,  ein Kriegskind – 1941 in Zwickau geboren. Harte Zeiten, die seine Generation geprägt haben. Der Sport war vielleicht ein Ventil, wer weiß. Psychologen haben sich um die Kriegskinder mit all ihren grausamen Erlebnissen nicht gekümmert.

Vielleicht weil andere Sportarten, die bestimmte praktische Voraussetzungen brauchten, im Nachkriegszwickau nicht zu finden waren – oder weil es genau seiner Begabung entsprach – wurde er Läufer, Kurzstrecke.

Mit weniger als elf Sekunden – Hand gestoppt – auf 100 Metern in seiner Jugend war er unglaublich schnell. Auch den Fußballsport liebt er. Doch ein erfolgreicher Fußballer wurde er nicht. Er war immer schneller als der Ball. Die Leichtathletik blieb also seine große Leidenschaft, bis heute.

Der schnelle Doktor – einer seiner Spitznamen als OB – förderte den Sport.

Der deutsche Leichtathletikverband schätzte den Chemnitzer Oberbürgermeister und den Chemnitzer Sport so sehr, dass der Verband alle Weichen für die Leichtathletik-EM im Jahr 2002 in Deutschland, in Sachsen, in Chemnitz stellte.

Auch einen Stadionentwurf gab es schon: vom aus Chemnitz stammenden Architekten Behnisch, der auch das Olympiastadion von 1972 in München entwarf.

Allein: Was fehlte, waren 50 Mio. DM vom Freistaat. Er kämpfte darum, er, Chemnitz bekam sie nicht. Die EM fand in München statt.

Das traf Peter Seifert sehr. Aber von Rückschlägen ließ er sich nicht kleinkriegen. Noch heute ist er Präsident des Leichtathletikvereins in Chemnitz. Max Heß, 20 Jahre alt, startet für LAC Erdgas, Deutscher Hallenmeister und Europameister im Dreisprung, gehört zu „seinen Sportlern“.

Eine Leichtathletik EM hat übrigens bis heute nicht in Sachsen stattgefunden.

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Chemnitz ist eine Autostadt. Und der Chemnitzer liebt sein Auto sehr. So auch unser schneller Laureat.

Das war schon als Oberbürgermeister so. Nur selten ließ er sich chauffieren. Er wollte das Tempo bestimmen.

Falls doch, war der Dienst für den eingeteilten Fahrer  kein Vergnügen.

Für eine Dienstreise nach Köln hatte das Sekretariat einen Fahrer bestellt. Auf der A 4 gab es viele Baustellen und Geschwindigkeitsbegrenzungen. Der Fahrer fuhr vorbildlich. In der Nähe von Erfurt musste er jedoch anhalten und auf den Beifahrersitz rücken.

Dem Oberbürgermeister ging es zu langsam. So wurde der Fahrer vom Oberbürgermeister nach Köln gefahren.

Es bleibt Dr. Seiferts Geheimnis, wie groß die Abgaben sind, die er den Bußgeldstellen in ganz Deutschland zahlte.

Sogar ein vierwöchiges Fahrverbot hatte er sich im Einsatz für seine Stadt ersprintet.


Einer wie er landete damit nicht in den Schlagzeilen. Sondern ihm begegnete ein mildes Lächeln, froh darüber, dass er auch Schwächen hat.

Nun, da er 75 Jahre alt ist, wird er morgen vielleicht ins Auto steigen und sich fragen, wie schnell eigentlich Ehrenbürger so fahren dürfen.

 

Was bleibt?

Sehr viel. Sehr viel mehr, als ich hier sagen kann.

Dass Chemnitz heute wieder eine moderne, erfolgreiche Industriestadt, eine Stadt der Wirtschaft, der Wisschenschaft, des Handwerkes ist, dafür hat Oberbürgermeister Peter Seifert mit dem Stadtrat entscheidende Weichen gestellt.

Als Ingenieur war er von der Kompetenz der gut ausgebildeten fleißigen Fachkräfte überzeugt.

Die Tradition Chemnitzer Unternehmertums trieb ihn an, den Boden zu bestellen, auf dem sich neue mutige Unternehmen einpflanzen und wachsen konnten. Dieses Wachstum hält an und bestimmt den Takt der Stadt.

Heute ist „Made in Chemnitz“ wieder weltweites Qualitätssiegel. Zum Beispiel im Maschinen- und Anlagenbau, bei technischen Textilien, bei Entwicklungen im Fahrzeugbau, in der Mikrosystemtechnik, der Energieeffizienz und im Strukturleichtbau.


Meine sehr geehrten Damen und Herren,

was bleibt ist: eine der größten privaten Sammlungen der klassischer Moderne, von Otto Dix bis Andy Warhol.

Sie befindet sich nicht in München, dem Wohnort des Sammlers, sondern in Chemnitz. Im Museum Gunzenhauser.

Der Laureat war Oberbürgermeister in einer Zeit des radikalen Umbruchs. Dass ein Aufbruch für Chemnitz daraus wurde, davon profitierte auch der Sport.

Er legte das Fundament für das Schulzentrum Sport.

Heute mit Gymnasium und Sportoberschule und dem im Bau befindlichen Internat –  eine vorbildliche Kaderschmiede des Landes.


Was bleibt, ist ein in der Geschichte der Stadt herausragender Oberbürgermeister, der in 13 Amtsjahren maßgeblich dazu beitrug, was Chemnitz heute ist:

Eine Stadt, die aus dem Zusammenbruch der Industrie, der großen Abwanderung von 75.000 Menschen wieder zu sich gefunden hat.

Heute wächst Chemnitz wieder.

Es ist ein Ort, wo Zukunft gedacht  und gemacht wird. Mit Platz für Ideen und Menschen, die etwas schaffen wollen.


Meine sehr geehrten Damen und Herren,

kann ein Mensch, der so viel gearbeitet, geleistet und geschafft hat, eigentlich Rentner sein?

Nicht wirklich. Nein, er kann das nicht.

Nur Rasen mähen, wandern gehen, zusehen, was die anderen so anstellen. Das ist seine Sache noch nicht. Er muss niemandem mehr etwas beweisen. Die Verheißungen eines Hupkonzertes nicht mehr einlösen.

Aber ich hoffe er braucht noch lange das Adrenalin, was beim Machen, beim Einsatz für eine gute Sache entsteht.

Nicht alle seine Ehrenämter kenne ich.

Was ich sicher weiß ist,

  • er ist Vorsitzender des Hochschulrates der TU Chemnitz
  • Präsident des LAC
  • Mitglied in Beiräten
  • Und wenn ich ihn frage, mein Ratgeber.


Wer mit so viel menschlicher Größe, mit so viel Leidenschaft eine Stadt führt, der konnte ewig Oberbürgermeister bleiben.

Doch nicht die sächsische Gemeindeordnung mit ihrer Altersbegrenzung, sondern er selbst hat sich dafür eine Grenze gesetzt. Mit 65 Jahren wollte er ausscheiden. Und er tat es. Selbstbestimmt. So wie er eben ist.

Und seine Nachfolge, war ihm nicht egal.

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Es war nie sein Ziel, Reden über sich und persönliche Ehrungen entgegenzunehmen.

Nun ist es dazu gekommen.

Die Stadt Chemnitz verleiht die Ehrenbürgerschaft an den Oberbürgermeister a. D.  Dr. Peter Seifert.