Das Interview fand in ihrer letzten Arbeitswoche statt. Ihr Büro schon halb leer geräumt, wurde der Kammermusiksaal zum Ort für das Gespräch erkoren. Der strahlt seit wenigen Tagen in neuen Farben, gestaltet von Frank Maibier. Das Gespräch startete mit einer Schnellfragerunde.
Musikschule in einem Wort: Begeisterung
Was ist schwerer? Anfangen oder aufhören?
Nancy Gibson: Aufhören. Beziehungsweise abschließen.
Was ist wichtiger, Proben oder Konzert?
Konzert.
Musikschule in drei Worten.
Freude. Konzentration. Schönheit.
Welcher Klang bedeutet Musikschule?
Die Klänge, die man an einem Donnerstagnachmittag hört, wenn man draußen vor der Musikschule steht.
Lampenfieber – Freund oder Feind?
Beides.
Welches Musikinstrument hätten Sie gerne noch gelernt?
Klarinette. Oder Dudelsack. Beides.
Was ist schwerer? Den richtigen Ton finden oder ihn halten?
Halten.
Was bleibt, wenn der letzte Ton verklungen ist?
Zufriedenheit.
Ihr schönster Musikschulmoment in einem Wort.
Puh, schwer... Aber: Begeisterung!
Lassen Sie uns ins Detail gehen. Was steckt hinter dieser Begeisterung?
Ich bin einfach begeistert von der Musikschule. Es ist zwar auch Arbeit und nicht immer einfach, denn da sind sehr heterogene Stimmen und viele Meinungen. Aber es ist einfach irrsinnig, wenn man einen Neun- oder Elfjährigen sieht, wie er konzentriert auf der Bühne steht. Diese analoge Bemühung von jungen Menschen, zu lernen, so komplex zu arbeiten, so viele verschiedene Sachen gleichzeitig zu machen. Das Hören, das Begreifen der Noten, die motorischen Fähigkeiten, das Miteinander mit der Lehrkraft und auch unter den Schülerinnen und Schülern. All diese Facetten sind ineinander verwoben. Es ist ein faszinierender Prozess, das zu beobachten. Und dann kommt Musik heraus, kommt Kunst heraus. Daran werde ich mich bis zu meinem Tod erinnern.
Welche Begegnung aus den vergangenen 17 Jahren in der Musikschule wird Ihnen für immer in Erinnerung bleiben?
Neben denen, die ich gerade beschrieben habe, erinnere ich mich besonders an eine Begegnung im Jahr 2018. Wir hatten ein Ensemble aus Leeds zu Gast und sollten beim Stadtfest auftreten. Dann gab es die Ausschreitungen und alles wurde gecancelt. Und unsere Partner aus Leeds, diese wunderbaren Menschen, haben das verstanden. Sie haben sofort gesagt, das hätte auch bei uns passieren können. Sie waren kollegial und kooperativ. Das passiert unter Ensemble-Leitern, die mit jungen Leuten arbeiten. Diese Flexibilität und die Gutmütigkeit, das werde ich nicht vergessen.
Wie hat sich die Musikschule seit 2009 verändert?
Physisch natürlich haben wir einen neuen Konzertsaal und neue Räume. Das ganze Haus ist von oben bis unten renoviert, auch wenn es noch Potenzial im Keller und im Dachboden gibt. Aber das Wichtigste ist, dass wir seit 2025 viele Lehrkräfte festangestellt haben, 63 genau. Natürlich nicht alle in Vollzeit, aber das ist ein enormer Unterschied für die Musikschul-Arbeit.
Wie war die Zusammenarbeit mit dem Kollegium?
Ohne die Pädagogen und auch die Verwaltung hätte ich nichts machen können, all die Veränderungsprozesse wären nicht möglich gewesen. Pädagogik ist immer im Wandel. Aber wir sind ein Team, wir sitzen in einem Boot und jeder paddelt mit. Dafür bin ich sehr dankbar.
Worauf freuen Sie sich im Ruhestand?
Auf Montagmorgen, wenn ich nicht aufstehen muss.
Bleiben Sie in Chemnitz?
Ja, und ich habe viel vor. Ich habe schon zugesagt, in verschiedenen Gremien mitzumachen. Meine Prioritäten sind Leseförderung und Demokratieförderung. Und ich möchte mehr Sport machen. Ich weiß, das sagen alle (lacht). Ich bin weiterhin dem Chemnitzer Musikverein verbunden und ich freue mich, mehr Zeit für Theater, Oper und Ballett zu finden. Ich werde mich um ein Seniorenabonnement kümmern.
Bleiben Sie der Musikschule erhalten?
Also ich werde nicht hier rumlaufen und gucken, wie machen die das jetzt. Natürlich komme ich zu Konzerten, aber privat. Am Anfang wird das merkwürdig sein. Ich gehe in die Musikschule und ich kann nicht einfach in mein Büro oder zu meinen Kollegen reinstürmen. Ich muss mich dann an die Sprechzeiten halten.
Haben Sie eine Botschaft für Ihre Nachfolgerin oder Ihren Nachfolger?
Ich werde keine schlauen Tipps geben. Ich hoffe, dass sie oder er zurechtkommt. Musikschul-Arbeit ist eine Achterbahn und die erste Zeit ist immer schwer. Ich wünsche mir für sie oder ihn, dass sie oder er seinen Plan verwirklichen kann und dass es ein guter Plan sein wird. Ich bin wirklich unheimlich neugierig. Es ist die richtige Zeit für einen Richtungswechsel. Es braucht eine neue Generation, die den Weg in die Zukunft versteht. Ich kann mir das nicht mehr gut vorstellen. Ich bin zu alt. Aber ein junger Mensch, der 20 oder 30 Jahre jünger ist als ich, sieht die Zukunft komplett anders und weiß, in welche Richtung es gehen muss. Ich wünsche meiner Nachfolgerin oder meinem Nachfolger, dass sie oder er damit Erfolg hat.
Zur Person
Nancy Gibson wurde 1961 in Toronto, Kanada, geboren und erhielt ihre erste musikalische Ausbildung an Klavier und Violine. In ihrer Heimat und später in London und an der Opernschule in Glasgow studierte sie Gesang. Seit 1992 ist Chemnitz ihr Zuhause – mit ihrem Mann, einem deutschen Cellisten. 16 Jahre lang war Nancy Gibson im Ensemble der Oper Chemnitz engagiert, ehe sie 2009 als Leiterin an die Städtische Musikschule wechselte. Nun geht sie in den Ruhestand.