Stefan-Heym-Förderpreise

Die Chance, sich Stefan Heym zu nähern

Noch bis zum 15. September läuft die Bewerbungsfrist für die diesjährigen Internationalen Stefan-Heym-Förderpreise. Mit der Graphic Novel »Die sieben Leben des Stefan Heym« ist Marian Kretschmer zusammen mit Gerald Richter 2021 und 2023 mit einem Förderpreis der Internationalen Stefan-Heym-Gesellschaft ausgezeichnet worden. Im Interview erzählt der 43-jährige Illustrator und Kunsttherapeut, warum es sich lohnt, sich an dieser Ausschreibung zu beteiligen.

Wie sind Sie auf Stefan Heym aufmerksam geworden?

Ich habe vor acht Jahren im Buchladen Monokel gearbeitet und da kam ein Kunde rein und hat gefragt, was wir von Stefan Heym haben. Und ich musste sagen: Wer ist das? Danach habe ich bei Wikipedia nachgeschaut und war beschämt, dass ich Chemnitzer bin, in Chemnitz zur Schule gegangen bin und von ihm nie etwas gehört habe, obwohl ich selbst viel Literatur lese. Das war der Impuls, etwas zu unternehmen, damit das Thema Stefan Heym an junge Menschen herangetragen wird.

Mit welchem Projekt haben Sie sich an den Internationalen Stefan-Heym-Förderpreisen beteiligt? 

Wir hatten damals das große Bedürfnis, Stefan Heym in die Schulen zu tragen und hatten an verschiedenen Workshops für Schulen gearbeitet. Parallel arbeitete ich an der Graphic Novel. So ging es Hand in Hand, weil wir über das Feedback der Schüler gemerkt haben, wie sich Bildsprache oder Kommunikation verändern muss. So haben wir Stück für Stück ein Paket daraus geschnürt und das dann eingereicht.

Die Graphic Novel »Die sieben Leben des Stefan Heym« erzählt die Geschichte des großen Chemnitzer Schriftstellers über das Stilmittel der Illustration. Foto: Walter Müller-Wähner

Warum sollte jemand mit einer eigenen Idee den Mut haben, sich für einen Stefan-Heym-Förderpreis zu bewerben?

Ich finde, man hat mit dem Förderpreis die Möglichkeit, sich vertieft mit Stefan Heym auseinanderzusetzen. Und man merkt relativ schnell, dass man vieles ins Jetzt übertragen kann. Zum Beispiel seine Gedichte. Mit denen arbeiten wir jetzt an Schulen. Die Jugendlichen docken sofort an, obwohl die Texte 100 Jahre alt sind. Aber Stefan Heym spricht eine Sprache, die immer noch funktioniert. Mit dem Förderpreis hat man die Möglichkeit, dies in ein modernes Medium zu übertragen. Und deswegen würde ich das eigentlich jedem empfehlen: Wer etwas hat, das ihn an einer Textzeile von Stefan Heym interessiert, dass er sich das nimmt, in einem neuen Kunstmedium umsetzt und das bei dem Förderpreis einreicht – um sich selber die Chance zu geben, sich intensiver damit zu beschäftigen und dies schließlich auch der Welt mitzuteilen. Das bietet so viel Potenzial.

Muss man aus Ihrer Sicht bereits Heym-Kenner oder -Kennerin sein, um eine Projektidee für die Internationalen Stefan-Heym-Förderpreise zu entwickeln?

Wenn Interesse vorhanden ist und man ein Projekt ausarbeitet, dann hat man über diesen Förderpreis die Chance, das zu vertiefen und komplexer zu gestalten. Es ist also nicht Grundvoraussetzung, drei oder vier Bücher von ihm gelesen zu haben. Es ist die Chance, sich mit Stefan Heym auseinanderzusetzen und sich dafür die Zeit nehmen zu dürfen.

Was kann uns Stefan Heym heute noch erzählen?

Da gibt es mehrere Aspekte: Aus künstlerischer Sicht können wir von Stefan Heym lernen, denn er hat jedes Buch in einem anderen Stil geschrieben, mit einem anderen Aufbau, mit einer anderen Sprache. Er war ein großartiger Künstler, ein Sprach-Künstler. Heutige Autoren suchen vielmals immer wieder die gleiche Art der Sprache, den gleichen Aufbau des Buches. Und das war bei jedem Buch von ihm anders. Also wenn man eins gelesen hat, weiß man nicht, wer Stefan Heym ist. Der andere Aspekt ist, dass jedes seiner Bücher absolut tief in die gesellschaftlichen Verzweigungen und Kausalitäten geht. Man erfährt so viel, warum es eben nicht so leicht ist, einfach in eine andere Richtung zu laufen, sondern wo Mechanismen korrelieren, wo die Abhängigkeiten bestehen, wo Zwangsverhalten herauskommt. Alles hängt miteinander zusammen. Jedes einzelne Buch von ihm hat eine total komplexe Sprache und Recherche.

Was hat sich bei Ihnen verändert durch die Beschäftigung mit Stefan Heym?

Mir ist noch mehr bewusst geworden, wie schnell gute Literatur oder auch kritische Literatur verloren geht, wenn sie nicht in den Fokus gerückt wird. Ich finde es sehr schade, dass wir hier in Chemnitz in der Schule nicht Stefan Heym lesen. Denn er hat ja Schriften, die leicht verdaulich sind, die man wirklich ab der neunten Klasse lesen kann. Zum Beispiel die »Augen der Vernunft«. Was dort sehr gut rüberkommt, ist: Wie funktioniert Sozialismus? Aber eben über seine Sprache, die von der Emotion lebt. Das war seine große Stärke, die Emotionen.

Bewerbungen bis 15. September möglich

Für Projektideen, in denen sich junge Menschen in besonderer Weise mit dem Leben, Werk und Wirken von Stefan Heym oder im Sinne Heyms mit Literatur, Geschichte und Zeitgeschehen auseinandersetzen, lobt die
Stadt Chemnitz erneut die Internationalen Stefan-Heym-Förderpreise aus. Ob dokumentarische Arbeit, Theaterstück oder Podcast – die Form ist dabei offen. Insgesamt werden Förderpreise im Wert von 20.000 Euro
vergeben, die unter mehreren Preisträgerinnen und Preisträgern aufgeteilt werden. Bewerbungen können noch bis zum 15. September unter www.chemnitz.de/heymfoerderpreise eingereicht werden.