Türöffner zur Chemnitzer Clubszene

Randy Fischer, Henry Rettig & Jörg Walther

Es ist mittags um 12, ein typisch nasser verregneter Herbsttag und dennoch haben Randy Fischer, Henry Rettig und Jörg Walther gute Laune und warten gespannt auf den Startschuss des ersten Chemnitzer WEEKENDER. Innerhalb von vier Tagen wird den Chemnitzern die Möglichkeit geboten, acht verschiedene Cafés und Clubs in Chemnitz kennenzulernen – eine Clubschau eben. Vom 22. bis 25. Oktober stellen sich jeden Tag zwei Lokalitäten vor und präsentieren Livemusik vom Feinsten. Mit dabei sind das Aaltra, Emmas Onkel und das Arthur auf dem Kaßberg, das Odradek an der Leipziger Straße, das Weltecho und das Atomino im Zentrum, sowie das Lokomov und das Nikola Tesla am Fuße des Sonnenberges. Wir haben uns mit den drei Mitorganisatoren getroffen und uns über das WEEKENDER, die Subkultur in Chemnitz und über die Stadt unterhalten.

Das erste Mal findet das Festival WEEKENDER statt, wie seid ihr auf die Idee gekommen?
Jörg Walther:
Mit Fine vom Lokomov habe ich überlegt, zwischen Lokomov und Aaltra etwas gemeinsam zu machen. Die Idee haben wir dann weiter gesponnen. Wen können wir noch fragen? Wer hätte Lust mit zu machen? Und dann haben wir bei den entsprechenden Clubs angefragt und sind auf sehr positive Resonanz gestoßen.

Wann ist die Idee entstanden?
Jörg Walther: Ich glaube, das war im Winter 2014.

Was passiert denn beim WEEKENDER?
Jörg Walther: Wir wollen durch das Festival den Leuten zeigen, wo in Chemnitz die Spots sind. Wir haben hier nicht die Situation, dass alles an einem Punkt gesammelt ist. Also stellen wir unsere Clubs vor und zeigen, wo man in Chemnitz gute Livemusik hören und sehen kann.
Randy Fischer: Beim Weekender geht es ja prinzipiell um Livemusik – vom Solokünstler bis zur Band bieten wir an den vier Tagen facettenreiche Konzerte.
Henry Rettig: Auch die Musikrichtungen sind von Club zu Club verschieden. Vom Post Punk über Singer/Songwriter bis hin zu Electro gibt es eben alles. Und die Acts treten auch in den bestimmten Clubs auf, wo es hin passt.

In vier Tagen haben die Gäste somit die Chance acht verschiedene Acts zu sehen – jeden Tag zwei. Das ist erstens wesentlich entspannter, als wenn man acht Bands an einem Abend hört und man lernt gleich noch die Wege von A nach B kennen. Ein guter Einstieg für alle, die neu in der Stadt sind.

Acht verschiedene Chemnitzer Lokalitäten sind dabei – ich nehme an, ihr kennt euch alle untereinander?
Randy Fischer: Ja, wir kennen uns. Chemnitz ist ja nun mal keine riesige Stadt und da kennt eigentlich jeder jeden. Das Schöne ist, dass es hier kein Konkurrenzdenken gibt. Und da bietet es sich doch an, etwas zusammen zu machen. Was sonst jeder für sich einzeln macht, legen wir an den vier Tagen eben zusammen.

Gibt es denn noch mehr Clubs in Chemnitz, die dann im nächsten Jahr eventuell mitmachen können, wenn es das WEEKENDER nochmal geben sollte?
Henry Rettig: Erstmal müssen wir sehen, wie es dieses Jahr läuft, um überhaupt zu sagen, dass wir es im nächsten Jahr fortführen. Auf jeden Fall gibt es in Chemnitz Clubs, die mitmachen können, wenn sie wollen. Definitiv! Wir haben überlegt, ob wir noch mehr Clubs mit rein nehmen, aber es soll ja doch alles relativ aneinander sein, so dass man an einem Tag von dem einen Club in den zweiten laufen kann. Vom Atomino ins Weltecho sind es fünf Minuten, vom Aaltra ins Odradek sind es vielleicht zehn, und vom Lokomov ins Nikola Tesla ist es ja nur über die Straße. 
Randy Fischer: Das Problem ist eben, dass man ja durch die vier Tage begrenzt ist.

Warum startet ihr dieses Festival ausgerechnet im Oktober?
Jörg Walther: Für Bands ist der Oktober ein wunderbarer Tour Monat, da passt das bei denen schon mal gut.
Randy Fischer: Naja, es ist ja nun mal so, dass nach der Sommerpause überall so langsam die Saison losgeht. Der Oktober ist einfach der beste Veranstaltungsmonat, um mal was Neues auszuprobieren. Klar sind die neuen Studenten in der Stadt eine Zielgruppe, die wir ansprechen wollen. Ihnen wird die Möglichkeit geboten, sich Clubs anzugucken und zu sehen, was in Chemnitz geht. Und das geht mit dem WEEKENDER auf simple Art und mit wenig Geld für vier Tage sehr gut.

Wer sich entschließt alle vier Tage mitzunehmen, dem sei das Festivalbändchen für 25 Euro empfohlen. Mit diesem Bändchen kommt man in alle Clubs rein und kann das Programm genießen. Wer sich allerdings entschließt, nur an ein oder zwei Tagen dem WEEKENDER zu frönen, kann auch an den Abendkassen bezahlen.

Welches Publikum wird bedient?
Randy Fischer: Also prinzipiell bedienen wir schon verschiedene Genres. Aber heute kann jemand, der gern Elektro hört, sich durchaus auch für einen Singer/Songwriter Abend begeistern. Livemusik erreicht ja sowohl den 18-jährigen Studenten als auch einen 40-jährigen Livemusik-Liebhaber, denk ich. Und das ist auch die Zielgrppe des WEEKENDERS – Freunde guter Livemusik.
Henry Rettig: Naja, im Endeffekt kann man schon sagen, dass wir die Subkultur bedienen. Wir wollen eben zeigen, dass es in Chemnitz auch etwas fern ab von den Großraumdiskotheken gibt. Wir zeigen eine andere Welt, die in Chemnitz präsent ist.
Randy Fischer: Das Programm ist dennoch so breit aufgestellt, dass verschiedene Menschen Spaß haben werden. Das Problem ist eigentlich eher, dass wir in Chemnitz wenig Touristen haben. Das ist anders, als in anderen Großstädten. Deswegen speist sich unser Publikum vorrangig eben aus denjenigen, die hier wohnen.
Henry Rettig: Wir versuchen schon den neuen Chemnitzerinnen und Chemnitzern zu zeigen, dass in der Stadt etwas passiert. Hier kann man was machen. Wir bieten für jeden Geschmack etwas an. Wenn ich das so vor zehn Jahren betrachte, haben viele gesagt, dass in Chemnitz nichts passiert und gar nichts geht.

Und was sagen die Leute heute? Hat sich etwas geändert?
Randy Fischer: Wir haben im Atomino schon festgestellt, dass gerade zum Semesteranfang vermehrt junge Studenten kommen und gucken wo man in Chemnitz hin gehen kann. Die sind aufgeschlossener, interessierter. Und das WEEKENDER ist doch ein super Türöffner. Man geht in einer Gruppe von beispielsweise fünf Leuten los, kauft sich ein Bändchen und hat vier Tage am Stück ein buntes Programm, was man sich ansehen kann. Vor zehn Jahren war das anders. Da haben wir überlegt: bekommen wir die bestimmte Gästezahl, die wir brauchen? Und wir haben uns gefragt, wo die Studenten eigentlich sind.
Henry Rettig: Die Uni ist eben größer geworden und da merkt man das schon. Allerdings muss man auch sagen, dass die Innenstadt nicht von den Studierenden überrannt wird. In den Kneipen und Cafés sitzen nun mal nicht, wie in anderen Städten, nur Unileute rum. Das ist einfach so. Und für viele ist die Stadt auch nur eine Zwischenstation.

Aber ihr drei seid schon alle Ur-Chemnitzer?
Randy Fischer: Ich komme vom Dorf, bin also schon weit gekommen. Vom Dorf in die große Stadt.
Jörg Walther: Henry und ich sind beide in Karl-Marx-Stadt geboren.

Wart ihr schon mal woanders und habt die Stadt verlassen?
Henry Rettig: Ich habe mal ein Jahr in Dresden gewohnt, berufsbedingt. Dresden ist nicht meine Stadt, aber das ist eben Geschmackssache. Im Endeffekt muss man sagen, dass andere Städte ja auch nur mit Wasser kochen. Wenn da ein Konzert ist, dann kommen auch nicht mehr als in Chemnitz.
Randy Fischer: Ich bin komplett Chemnitz sozialisiert und hier zu dem geworden, der ich heute bin.Als Kulturschaffender so zu arbeiten, wie ich es jetzt tue, wäre in größeren Städten viel schweiriger gewesen. Das funktioniert hier einfach gut.

Habt ihr hier einen Lieblingsplatz?
Jörg Walther: Ach, da gibt es nicht nur einen…
Henry Rettig: Die ganze Umgebung von Chemnitz ist schön. Gerade, wenn wir Fahrrad fahren, da kann man das jetzt nicht an einem Platz oder einer Bank festmachen. Die Umgebung von Chemnitz ist der Knaller. Das sagen auch Auswärtige. Man fährt irgendwo zehn Minuten die Straße raus und man ist in der Natur. Das haben nicht so viele Städte. Aber so einen ganz bestimmten Platz, wo man einmal die Woche hinfährt, hab ich nicht.

Fehlt euch was in Chemnitz?
Randy Fischer: Eine Kunsthochschule!
Jörg Walther: Einen Innenstadtcampus.
Henry Rettig: Noch mehr junge Leute, die irgendwas machen. Von einem Café angefangen bis hin zu einer Fahrradwerkstatt. Im Endeffekt ist das der Grund, warum wir uns alle kennen. Weil es eben immer die gleichen Leute sind, die anpacken. Aber es könnte mehr sein. Dafür dass wir so viele Studenten haben, passiert mir persönlich noch zu wenig. Man merkt ja, dass sich was verändert. Das „Chemnitz-Gefühl“ verändert sich. Als ich aus der Schule gekommen bin, sind eigentlich alle weggegangen. Da gab es niemanden, der hier geblieben ist. Wer studieren konnte, ist weg. Mittlerweile hat sich genau das geändert. Chemnitz ist schön und man hört, dass sich junge Leute vorstellen können, hier zu bleiben.
Randy Fischer: Chemnitz hat eben was Familiäres. Und wenn man das mag, dann ist das optimal hier. Man kann sich hier seine Zeit nehmen, und dennoch ist das kulturelle Angebot, gerade im Vergleich zu gleich großen Städten, sehr gut. Man kann zu Konzerten gehen, wir haben zwei sehr gute Kinos, fernab von den Mainstreamkinos. Man kann in ein sehr gutes Theater gehen. Es ist alles da!

Muss man den Chemnitzern Mut machen?
Randy Fischer: Also ich möchte niemandem Mut machen müssen! Mir selbst vielleicht…
Henry Rettig: Ich würde das auch eher verneinen. Die Leute wissen selbst, was sie wollen, und wenn sie sich in ihrer Wohnung einschließen wollen, dann sollen sie das machen.