Der Internationale Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz ist am heutigen Samstag, dem 18. April, an den ukrainischen Schriftsteller, Essayisten und Übersetzer Juri Andruchowytsch verliehen worden. Der Preisträger nahm die Auszeichnung in der Eventlocation die fabrik Chemnitz persönlich von Oberbürgermeister Sven Schulze entgegen.
Mit dem Preis zeichnet die Stadt Chemnitz Autor:innen und Publizist:innen aus, die sich im Sinne Stefan Heyms mit ihrer Arbeit in herausragendem Maße in den öffentlichen Diskurs einmischen und nachhaltig Akzente setzen, die von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung sind. Der Internationale Stefan-Heym-Preis wird alle drei Jahre vergeben und ist mit 20.000 Euro Preisgeld ein hochdotierter Literaturpreis in Deutschland.
Oberbürgermeister Sven Schulze: „Mit Juri Andruchowytsch ehren wir nicht nur einen großen europäischen Autor. Wir zeichnen einen Schriftsteller aus, der sich – genau wie Stefan Heym – nicht mit der Rolle des bloßen Beobachters begnügt. Er ist eine Stimme seines Landes, eine Stimme Europas. Wie Heym begreift Andruchowytsch Literatur als gesellschaftliche Einmischung. Und Einmischung ist das Gegenteil von Gleichgültigkeit.“
Der Preisträger Juri Andruchowytsch: „Diese Auszeichnung, die ich heute bekommen habe, nehme ich als ein starkes Solidaritätssignal wahr. Dieser Preis ist ein klares Zeugnis, dass Sie, Europäer, mit uns, mit der Ukraine sind. Ich danke Ihnen herzlichst, dass auch im fünften Jahr der verrückten Aggression Sie nicht gleichgültig geworden sind. Und nicht müde.
Ich glaube, dass Sie einen hervorragenden Lehrer der Einmischungen und der Munterkeit hatten, er hieß Stefan Heym. Ich danke Ihnen, Stefan Heym, dass Sie durch Ihre Einmischungen so vieles geändert haben. Und dass Sie Heinrich Heine buchstäblich bis zu Ihrem Todestag liebten.“
Laudatorin Katharina Raabe: „Das letzte Territorium, Mein Europa, Zwölf Ringe – diese Bücher waren ein Paukenschlag: mit euphorischen Kritiken bedacht, rückten sie nicht nur den Autor, sondern sein Land in den Fokus. Juri Andruchowytsch hat die ukrainische Literatur befreit, sie mit neuen, unvergleichlichen Formen bereichert, die rettende Ironie, die mitteleuropäische Melancholie verstärkt. Er hat Dinge, von denen wir im restlichen Europa gar nicht wussten, dass es sie gibt, zum Sprechen gebracht. Und er hat uns die Augen dafür geöffnet, was in der Ukraine auf dem Spiel steht. Seine Romane und Essays, von Sabine Stöhr mitreißend und hochkomisch übersetzt, sind Weltliteratur.“
Juri Andruchowytsch trug sich während der Preisverleihung auch in das Goldene Buch der Stadt Chemnitz ein.
Das Kuratorium zur Vergabe des Internationalen Stefan-Heym-Preises würdigt mit dieser Auszeichnung das Werk und Wirken des Autors als eine der wichtigsten literarischen und intellektuellen Stimmen der Ukraine. Juri Andruchowytsch, Jahrgang 1960, wurde bekannt durch die 1985 gegründete Performancegruppe Bu-Ba-Bu (Burlesk-Balagan-Buffonada). Er veröffentlichte Gedichtbände, erzählende Prosa, publizistische Essayistik und Romane.
Motiv für Andruchowytschs schriftstellerischen Aktivismus ist die besondere Situation seines Heimatlandes. Sein erster ins Deutsche übersetzte Roman „Dvanadcjat’ obrutschiv“ (dt. „Zwölf Ringe“, 2007, Suhrkamp Verlag) reflektiert das Chaos der postsozialistischen Übergangszeit und die Geburt eines neuen Staates. In dem von ihm herausgegebenen Buch „Euromaidan: Was in der Ukraine auf dem Spiel steht“ (2014, Suhrkamp Verlag) untersuchen Autor:innen und Wissenschaftler:innen den Moment der Revolution aus ihren ganz individuellen Perspektiven. Im Jahr 2023 erschien ebenfalls im Suhrkamp Verlag unter dem Titel „Der Preis unserer Freiheit“ eine weitere Sammlung von Essays. Sie macht deutlich, dass Andruchowytsch mit seinem wachen Blick für die politischen Entwicklungen und die ukrainische Gesellschaft schon lange vor 2022 vor den Ansprüchen und Bestrebungen Russlands warnte.
Lesung und Gespräch mit Juri Andruchowytsch
„Nur die Freiheit unbezweifelbar“ – unter diesem Motto liest der Preisträger am Sonntag, dem 19. April, aus seinen Werken und kommt mit Moderatorin Prof. Bernadette Malinowski ins Gespräch. Die Lesung findet in der Hartmannfabrik, Fabrikstraße 11, statt und beginnt um 15 Uhr. Der Eintritt ist kostenfrei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Der Internationale Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz
Der Internationale Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz wird in Erinnerung an das Leben, Werk und Wirken von Stefan Heym, den Sohn und Ehrenbürger der Stadt, verliehen. Mit dem Internationalen Stefan-Heym-Preis sollen zeitkritische und couragierte Persönlichkeiten gewürdigt werden, die wie Stefan Heym als Schriftsteller:innen bzw. Publizist:innen herausragende und nachhaltig wirkende Leistungen erbracht haben.
Erstmals wurde der Preis 2008 an Amos Oz verliehen. 2011 erhielt Bora Ćosić die Auszeichnung. Aus Anlass des 100. Geburtstags von Stefan Heym wurde der Preis 2013 an Christoph Hein verliehen. 2017 erhielt die polnische Schriftstellerin und Publizistin Joanna Bator den Internationalen Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz. Die kroatische Schriftstellerin und Journalistin Slavenka Drakulić und der schwedische Autor und Journalist Richard Swartz waren die Preisträger im Jahr 2020. 2023 erhielt die deutsche Schriftstellerin Jenny Erpenbeck den Internationalen Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz.
Die Internationalen Stefan-Heym-Förderpreise der Stadt Chemnitz
Zeitgleich mit der Verleihung des Internationalen Stefan-Heym-Preises lobt die Stadt Chemnitz auch die Internationalen Stefan-Heym-Förderpreise mit einem Gesamtwert von 20.000 Euro aus. Bis zum 15. September 2026 können Bewerbungen bei der Stadt Chemnitz eingereicht werden. Die Förderpreise sind insgesamt mit 20.000 Euro dotiert.
Vergeben werden die Internationalen Stefan-Heym-Förderpreise insbesondere an Projekte und Initiativen in den Bereichen Kunst, Kultur, Wissenschaft und Forschung oder der Pflege von Stefan Heyms Nachlass. Auch eigene publizistische oder künstlerische Arbeiten können gefördert werden, sofern sie sich im Geiste von Stefan Heym kritisch, couragiert und produktiv mit Fragen unserer Gegenwart (auch in ihrem historischen Kontext und ihrer möglichen künftigen Gestalt) auseinandersetzen.
Schüler:innen, Einzelpersonen sowie Schulklassen, die sich für Geschichte, Literatur oder Politik im Sinne Stefan Heyms interessieren und sich mit gesellschaftlichen Fragestellungen auseinandersetzen möchten, sind eingeladen, eigene Projekte einzureichen. Auch Arbeiten, die im Unterricht oder als gemeinsames Klassenprojekt entstanden sind, können berücksichtigt werden. Die Form der Projekte ist dabei offen.
Weitere Informationen:
www.chemnitz.de/begleitprogramm_heympreis
www.chemnitz.de/heym_foerderpreise