Stolpersteine in Chemnitz
Hertha, Erich, Hans Richard, Ingetraut Wendel und Marga und Erich Moral
Hertha Wendel, geb. Kirsch
Geboren: 25. November 1885
Gestorben: nach 1957
Erich Wendel
Geboren: 25. März 1908
Gestorben: 23. Juli 1986
Hans Richard Wendel
Geboren: 24. Juni 1911
Gestorben: 25. November 1940
Ingetraut Wendel, geb. Schaefer, verh. Dobrin
Geboren: 31. Mai 1921
Gestorben: 18. Dezember 1995
Marga Moral, geb. Wendel
Geboren: 20. Februar 1906
Gestorben: 6. März 1999
Erich Moral
Geboren: 23. September 1890
Gestorben: 16. Juni 1963
Verlegeort:
Heinrich-Beck-Straße 3
Stolperstein-Verlegung am:
5. November 2026
Lebensweg
Hans Wendel gehörte zu den Opfern einer skandalumwitterten Bombenexplosion auf dem ehemaligen Frachtschiff “Patria”, das ursprünglich im Besitz Frankreichs war und nach Kriegsbeginn von den britischen Behörden im Hafen von Haifa beschlagnahmt worden war.
Was ist über Hans Richard Wendel bekannt? Er wurde als Sohn des Kaufmanns Moritz Wendel in Chemnitz geboren. Sein Vater, der ab 1890 in Chemnitz lebte, war von Juli 1901 bis April 1934 in leitender Funktion für die Firma Gebrüder Becker tätig. Zuletzt gehörte er dem Vorstand der Eduard Becker SoehneAktiengesellschaft an. Moritz Wendel war ab Februar 1905 mit Hertha Kirsch verheiratet. Die Eheleute hatten außerdem noch zwei Kinder: Marga und
Erich. Nach der Geburt ihres dritten Kindes zog die Familie in das Haus in der Heinrich-Beck-Straße 3.
Moritz Wendel starb am 9. Juni 1939 und wurde auf dem Israelitischen Friedhof im Ortsteil Altendorf beigesetzt. Zu diesem Zeitpunkt lebten die Kinder nicht mehr in Chemnitz. Erich Wendel war nach Südafrika ausgewandert.
Marga Wendel, die ab Februar 1930 mit dem Schauspieler und überzeugten Zionisten Erich Moral verheiratet war, war bereits 1934 mit ihrem Ehemann nach Palästina emigriert. In einem Brief, der in der “Jüdischen Zeitung für Mittelsachsen” abgedruckt wurde, berichtete dieser über seine Eindrücke vom Leben in Palästina. Die Eheleute lebten fortan in Haifa. Hertha Wendel wanderte im Oktober 1939 auch nach Südafrika aus und lebte in Kapstadt, wo sich ihr Sohn Erich niedergelassen hatte.
Hans, der bis Ostern 1931 das Realgymnasium besucht hatte, begann danach eine Berufsausbildung. Frühzeitig engagierte er sich in dem 1928 gegründeten Jüdischen Pfadfinderbund. Über einen längeren Zeitraum war er Leiter der Kreisgruppe Chemnitz. Ab 1934 unterstützte Hans Wendel die Arbeit des neugegründeten Jüdischen Pfadfinderbundes Makkabi Hazair. In dieser Zeit entschloss er sich, nach Palästina auszuwandern. Er wurde Mitglied einer Gruppe, die unter der Leitung von Jekutiel Federmann stand, um einen landwirtschaftlichen oder handwerklichen Beruf zu erlernen.
Im März 1936 wurde Hans Wendel neuer Landesleiter Südwest des JPD Makkabi Hazair. Einige Monate später wurde er Mitglied der Bundesleitung in Berlin. Im Frühjahr 1939 befand er sich in Spreenhagen, wo sich der Umschulungsbetrieb Gut Winkel befand. Später wohnte er in Berlin-Charlottenburg. Am 23. Januar 1940 ging Hans Wendel in Berlin die Ehe mit der zehn Jahre jüngeren Fotografin Ingetraut Schaefer ein. Hans Wendel, zumeist nur “HaWe” genannt, wurde zum zweiten Transportleiter bestimmt, der die Aufgabe hatte, die Flüchtlingstransporte über die Schwarzmeerroute nach Haifa zu organisieren.
Am 16. August 1940 begann die Operation. Im Donauhafen von Bratislava sollten die Flüchtlinge auf drei Passagierschiffe (SS “Atlantic”, SS “Pacific” und SS “Milos”) verteilt werden. Die Eheleute Wendel befanden sich an Bord des SS “Pacific”. Bis zum 5. November 1940 wurden die Passagiere der SS “Pacific” und der SS “Milos” von der britischen Marine vor Haifa aufgebracht und auf die “Patria” umgeschifft. Zwei Wochen später traf die SS “Atlantic” in Haifa ein. Um zu verhindern, dass die Flüchtlinge nach Mauritius deportiert werden, bekam Hans Wendel von der Haganah, einer paramilitärischen Untergrundorganisation in Palästina, den Auftrag, das Schiff mittels einer Bombenexplosion seeuntüchtig zu machen. Wendel übernahm es, die Bombe, die keine Zeitbombe war, im Bug des Schiffes zu platzieren. Am 25. November 1940 morgens gegen 9 Uhr explodierte die Bombe im Maschinenraum. Die Haganah hatte die Menge des Sprengstoffs jedoch falsch berechnet. Die "Patria" sank innerhalb von 15 Minuten. Wendel hatte keine Chance zu überleben.
Von den 1771 auf der “Patria” zusammengedrängten Menschen verloren etwa 200 Menschen ihr Leben. Hans Wendel zählte längere Zeit zu den vermissten Passagieren. Inge Wendel und ihre Mutter Marie Schaefer überlebten die Explosion und wurden in das Quarantäne- und Internierungslager Atlith in der Nähe von Haifa überführt.
Stolpersteine in Chemnitz
Es ist ein Projekt gegen das Vergessen: in Chemnitz werden seit 2007 jährlich Stolpersteine verlegt.
Eingelassen in den Bürgersteig, erinnern die Gedenksteine an tragische Schicksale von Mitbürgern, die während des nationalsozialistischen Regimes verfolgt, deportiert, ermordet oder in den Tod getrieben wurden.
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