Familiengeschichte lebt weiter

Auf den Spuren seiner Vorfahren war Gilad Wax in der vergangenen Woche mit seiner Familie aus England und Spanien in Chemnitz zu Gast. Der Moment an den Stolpersteinen war besonders emotional.
Hedy Franklin, geborene Schreiber (links), und ihr Sohn Gilad Wax reinigen mit Cornelia Siegel, Projektleiterin der Stadt Chemnitz, die Stolpersteine der Familie Schreiber. Foto: Franziska Wöllner

Eingelassen in den Bürgersteig, erinnern die kleinen Gedenksteine an tragische Schicksale von Bürgerinnen und Bürgern, die während des nationalsozialistischen Regimes verfolgt, deportiert, ermordet oder in den Tod getrieben wurden. 

Zum Abschluss tippt Hedy Franklin jeden Stolperstein noch einmal einzeln mit den Fingern an, um sie zu würdigen. Der Weg hierher war beschwerlich, die 73-Jährige lebt in London und Israel und sie hatte lange überlegt, ob sie die Reise nach Chemnitz auf sich nimmt. »Jetzt bin ich sehr froh, dass ich hier bin.« 

Denn an diesem verregneten Freitag im April steht sie vor dem Elternhaus ihres Vaters Konrad Schreiber, der 1939 nach England auswandern konnte, um sich vor der Deportation durch die Nationalsozialisten zu retten. Vor Hedy Franklins Füßen liegen die Stolpersteine von Konrads Eltern Franz Philipp und Charlotte Schreiber sowie der kleinen Schwester Vera, die an diesem Freitag ihren 96. Geburtstag hätte feiern können, wenn sie nicht mit ihren Eltern in Auschwitz ermordet worden wäre. 

»Mein Vater hat nie über das Geschehene gesprochen. Doch zum Ende seines Lebens, er litt bereits an Demenz, hat er immer wieder nach seiner Mutter und seiner Schwester geschrien«, erinnert sich Hedy Franklin. 

Gemeinsam mit ihrem Sohn Gilad Wax und dessen Familie hat sie in Chemnitz wichtige Stationen ihrer Vorfahren besucht, so das Wohnhaus an der Marianne-Brandt-Straße und die damalige Möbelstofffabrik an der Zwickauer Straße. Gilad Wax: »Es ist sehr emotional hier zu sein. Ich habe mir das lange vorgenommen und jetzt bin ich hier mit meiner Mutter und meinen Kindern. Das ist etwas ganz besonderes. Wir erinnern uns an meinen Großvater, der selbst vor fast 20 Jahren, damals auf Einladung der Stadt nach Chemnitz, zurückkehrte. Und wir erinnern uns an seine Eltern und seine jüngste Schwester Vera.«

Gilad Wax mit seiner Mutter Hedy Franklin, seinen Kindern Maya und Noam und Ehefrau Patricia (von links) sowie David Franklin (hinten) vor dem früheren Wohnhaus der Familie Schreiber in der Marianne-Brandt-Straße. Foto: Franziska Wöllner

Der 44-Jährige, der mit seiner Familie in Spanien lebt, war zum ersten Mal in Chemnitz und er will wiederkommen: »Wir wurden sehr warm empfangen. Wir freuen uns zu sehen, wie die Stadt Chemnitz Familien wie die unsere ehrt, und wir freuen uns auf die geplante Ausstellung im Industriemuseum mit dem Titel ›Erfolgsspuren‹, in der auch meine Familie beleuchtet wird.« Auch mit seinen Kindern spreche er immer wieder darüber. »Sie wachsen ja mit mir auf und lernen viel über die Geschichte unserer Familie und die Folgen des Holocaust. Wir reden oft über meinen Großvater.« 

Die Stolpersteine seien aber nicht nur für die Angehörigen von Bedeutung. »Es hilft auch den Menschen hier in der Stadt, sich zu erinnern, was in der Vergangenheit passiert ist, und sicher zu sein, dass sich das nicht wiederholt.«

Die nächste Verlegung von Stolpersteinen findet am 6. Mai statt.