Reden

Grußwort der Oberbürgermeisterin der Stadt Chemnitz, Barbara Ludwig, zur Verleihung des Internationalen Stefan-Heym-Preises am 10. April 2013

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Sehr geehrter Herr Hein,
sehr geehrte Frau Husmann-Hein,
sehr geehrte Frau Heym,
sehr geehrte Mitglieder des Bundestages, des Sächsischen Landtages und des Chemnitzer Stadtrates,
sehr geehrte Mitglieder des Kuratoriums,
sehr geehrter Herr Schulze,
sehr geehrte Bürgermeisterinnen und Bürgermeister,
sehr geehrter Prof. Hahn,
sehr geehrter Herr Rotstein,
sehr geehrter Herr Magirius,
sehr geehrter Prof. van Zyl,
sehr geehrter Herr Cosic,
sehr geehrte Frau Dr. Uhlig,

liebe Chemnitzerinnen und Chemnitzer,

sehr geehrte Festversammlung,
 
Literaturpreise verschreiben sich der positiven Macht des freien Wortes.
 
Mit ihnen verneigt man sich vor Schriftstellerinnen und Schriftstellern, deren Werke über sie selbst hinaus reichen, deren Gedichte, Dramen, Romane und Geschichten Zeit nichts anhaben kann.
 
Dies gilt in besonderem Maße für Autorinnen und Autoren, die sich mit beidem - Werk und Person - gegen Unrecht eingesetzt haben.
 
Man denke an Bertolt Brecht, Heinrich Mann oder Kurt Tucholsky.
 
In diese Reihe bedeutender Autoren und Persönlichkeiten fügt sich der Mann ein, dessen Werk wir mit dieser Preisverleihung ehren und dessen 100. Geburtstag wir heute feiern: Stefan Heym.
 
Meine Damen und Herren,
ich freue mich, Sie alle heute Abend begrüßen zu dürfen und mit Ihnen gemeinsam den Höhepunkt dieser Stefan-Heym-Woche zu begehen.
 
Sehr geehrter Herr Hein,
Sie sind heute Abend hier in Chemnitz, dafür vielen Dank. Es ist uns eine Freude und Ehre, Ihnen diesen Preis zu überreichen.
 
Mein Dank gilt dem Kuratorium zur Verleihung des Internationalen Stefan-Heym-Preises der Stadt Chemnitz. Sie tragen Verantwortung. Ihre Entscheidung ist Interpretation dessen, wie Stefan Heym uns heute begegnet. Und wie er uns begegnen soll.
 
Und ich danke ganz besonders Frau Heym für ihre kluge Begleitung unserer Arbeit.
 
Der Preis wird in diesem Jahr bewusst außerplanmäßig vergeben. Anlässlich des 100. Geburtstags seines Namensgebers.
 
 
 
Meine Damen und Herren,
Im besten Sinne, wenn ich so sagen darf, war Stefan Heym ein notorischer Spielverderber. Ob als Schüler in einem nationalistisch aufgeheizten Land, als Soldat der US-Armee, als Schriftsteller in der DDR oder als Alterspräsident im Bundestag des wieder vereinigten Deutschlands.
 
So schreibt er als 18-jähriger Chemnitzer Schüler:
„Wir lehren Mord! Wir speien Mord!
Wir haben in Mördern großen Export!“
 
Diese Zeilen sind Teil des Gedichtes „Exportgeschäft“. Ein Anti-Kriegsgedicht in einem Land, in dem keine zwei Jahre mehr bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten vergehen sollten.
 
Was treibt ihn? Er ist Teil einer jüdischen Familie. Ist er leichtsinnig oder mutig? Eine Lebensfrage.
 
So kämpft er zunächst als Soldat in der US-Armee gegen Nazi-Deutschland. Nach dem Krieg in der amerikanischen Besatzungszone stationiert und als Redakteur tätig, weigert sich Heym dann jedoch, einen antisowjetischen Artikel zu verfassen.
 
Mit seiner Weigerung verzichtet er auf seine Stelle als Redakteur und den Aufenthalt in seinem Muttersprachland. Er wird zurück in die USA geschickt.
 
Später, als Schriftsteller in der DDR, verfasst er Bücher, deren Verbot vorprogrammiert ist. Er veröffentlicht im Westen und nimmt die Strafe dafür in Kauf.
 
Ein zwischenzeitliches Schreibverbot Heyms hebt das SED-Regime auf. Vielleicht auch als Angebot zu einer Art Koexistenz.
 
Die Unterschrift unter ein Protestschreiben gegen die Ausweisung Wolf Biermanns ist seine Antwort auf dieses Angebot.
 
Und auch im höheren Alter lernt er glücklicherweise nichts dazu: Seine Forderung, die deutsche Wiedervereinigung nicht nur politisch, rechtlich und finanziell zu vollziehen, sondern auch als große kulturelle Aufgabe zu begreifen, verstört das Bild blühender Landschaften.
 
Den leichten Weg gehen. Das war nicht seins. Und auch uns, seinen Lesern, vielleicht auch seinen Bewunderern, versperrt er diesen Weg vehement.
 
In seinen Schriften will er den Mitläufer stellen, ihn aus seinem Schutz zerren, den Institutionen und abstrakte Strukturen ihm bieten.
 
Ihm setzt er den verantwortlichen, den freien und frei sich äußernden Menschen entgegen. Als Teil einer Gesellschaft, die von Recht und Gerechtigkeit gleichermaßen geprägt ist. 
 
Heym fordert diese Verantwortlichkeit nicht nur ein und verschanzt sich dann hinter seinem Werk. Es ist die Art, wie er sein eigenes Leben führt, die uns jedes Alibi nimmt, gegen das eigene Gewissen zu handeln.
 
„Manchmal möchte ich den Leuten zurufen, `Schaut mich nicht so an, ich bin auch nicht klüger als Ihr`, sagte er einmal er in einem Interview. Ihm nahm man das ab.
 
Es sind solche Sätze, die die Angst vor der eigenen Courage nehmen. Heym schleift die Spitze seiner hohen Anforderungen mit der Einsicht, dass niemand zum Helden geboren ist.
 
Ja, man kann sich irren. Ja, man muss, soll die eigene Meinung nicht zum starren Dogma machen. Aber die Werte und Prinzipien, die unsere Wahrnehmung und unser Urteil begründen, sie müssen bleiben.
 
 
 
Meine Damen und Herren,
Heym provoziert das menschliche Bedürfnis, zu kategorisieren, einzuordnen.
 
In einem so von ideologischen, territorialen und moralischen Fronten gekennzeichneten 20. Jahrhundert, in dem schwarz und weiß lange die bestimmenden Farben sind, zeichnet er in vielfältigen Zwischentönen. Er setzt sich mit Vorliebe zwischen die Stühle von Ost und West, Kapitalismus und Sozialismus.
 
Sein Einsatz für die USA trotz sozialistischer Überzeugungen, das Bleiben in der DDR, sein Sitz in der Bundestagsfraktion der PDS.
 
Er scheint teilweise fast unvernünftig. Bei näherer Betrachtung aber war Heyms Handeln von Vernunft geleitet. Er sah die Grenzen, das Ungerechte, das Trennende auch im vereinten Deutschland.
 
Hierzu passt auch seine Politikerepisode. Vor der er weder Angst hatte, sie zu beginnen, noch sie zu beenden.
 
 
 
Meine Damen und Herren,
man darf nicht den Fehler machen, Heym lediglich als Autoren und Persönlichkeit der deutsch-deutschen Zeitgeschichte zu lesen.
 
Die Versuchung ist da. Schließlich hat die Welt ihr Gesicht in den vergangenen 20 Jahren doch grundlegend geändert.
 
Heym hat immer den Einzelnen ins Blickfeld gerückt, sein Wirken und seine Möglichkeiten im großen Ganzen ausgeleuchtet.
 
In einer globalisierten Welt erscheint dieses große Ganze tatsächlich ziemlich groß. Und der einzelne immer kleiner, sein Wirken und damit auch seine Verantwortung geringer.
 
Dagegen zeigt uns ein Kapitel im großen Lehrbuch dieser Jahre, dass es letztlich immer von Menschen und ihren Entscheidungen abhängt, in welchen Strukturen und Institutionen wir leben.
 
Denn wer will entscheiden, ob nun der Schuld hatte, der auf den Bankrott von Staaten gewettet hat oder das System, welches ihm das ermöglicht hat.
 
Wie der Einzelne im System sozialer, juristischer, politischer und nicht zuletzt zwischenmenschlicher Regeln denkt und handelt, das, sehr geehrter Christoph Hein, diskutieren auch Sie mit uns in Ihren Büchern.
 
Mit Stefan Heym verbindet Sie aber noch weitaus mehr. Auch Sie haben aus dem Leben geschrieben, es kennen gelernt aus verschiedensten Perspektiven, als Montagearbeiter, Kellner, Übersetzer und nicht zuletzt als Dramaturg und Erzähler.
 
Und wie Heym haben Sie sich durch Ihre schriftstellerischen Fähigkeiten und den damit verbundenen Erfolg ein Stück Unverwundbarkeit erarbeitet, das die DDR zulassen musste.
 
Aber, um den Zweit-Titel Ihres berühmten Buches aufzugreifen: Auch Sie haben nicht in „Drachenblut“ gebadet. So setzten Sie z.B. mit Ihrer Kritik an der DDR-Zensur diese fragile Sicherheit aufs Spiel.
 
Gemeinsam mit Stefan Heym nehmen Sie 1989 die Chance wahr, frei und öffentlich zu sprechen. Sicher haben auch sie Heyms Gefühl geteilt, welches er in dem berühmt gewordenen Bild der aufgestoßenen Fenster beschrieb.
 
Auch später als Vorsitzender des gesamtdeutschen PEN-Clubs oder als Mitherausgeber des „Freitag“ haben Sie sich für das freie und meinungsstarke Wort engagiert.
 
Vielleicht ist dieses Engagement gerade in einer Gesellschaft wie der unseren nötig, in der der Besitz von Grund- und Freiheitsrechten so selbstverständlich scheint, dass man Gefahr läuft ihren Gebrauch zu verlernen.
 
Sehr geehrte Festversammlung,
wir verleihen heute zum dritten Mal den Internationalen Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz. Wir ehren damit einen großen Sohn der Stadt und den Preisträger Christoph Hein.
 
Ich freue mich sehr, nun den Laudator des heutigen Abends, Ingo Schulze, nach vorn zu bitten.