Rede

zum Friedenstag am 5. März 2012 (zentrale Veranstaltung auf dem Neumarkt)


Es gilt das gesprochene Wort!

 

Liebe Chemnitzerinnen und Chemnitzer,
liebe Gäste und Freunde unserer Stadt,

Auf diesem Platz im Herzen unserer Stadt sind heute Abend rund 2000 Menschen zusammengekommen. Jede und jeder hat seine ganz persönliche Lebensgeschichte. Viele von ihnen sind in Chemnitz oder Karl-Marx-Stadt geboren. Andere sind aus ganz unterschiedlichen Gründen in unsere Stadt gekommen. Weil sie hier eine Arbeit, einen Studienplatz oder den Partner fürs Leben gefunden haben. Einige deswegen, weil sie in ihrem Heimatland nicht mehr bleiben konnten oder wollten. Weil sie hier in unserer Stadt eine neue Lebensperspektive entwickeln wollen.

So wie die ehemaligen Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter aus Vietnam oder die 650 Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Sie kommen aus der Ukraine, aus Russland, aus Israel. Oder Aljona Savchenko und Robin Szolkowy. Aljona kommt aus der Ukraine, Robins Vater aus Tansania. Sie sind Chemnitzer und tragen den Namen unserer Stadt als herausragende Sportler in die ganze Welt.

Wir sprechen fast alle die gleiche Sprache, ja sogar denselben Dialekt. Und trotzdem sind wir alle auch verschieden.
 

 

Ich möchte, dass wir, wie es der ehemalige Bundespräsident Rau formuliert hat, „ohne Angst verschieden sein können.“ Und das es Grundwerte gibt, die uns verbinden. Das Chemnitz ein Ort ist, an dem Frau oder Mann, unabhängig von Hautfarbe, Herkunft oder Religion, etwas schaffen kann. Je besser das gelingt, umso stärker wird sich unsere Stadt entwickeln.

Viele von Ihnen haben heute Kerzen mitgebracht. Ein starkes Symbol, das Vieles ausdrückt: Lebenslicht, Hoffnung, Geborgenheit, Friedliche Revolution wie 1989, kirchliche Liturgie, Freude zum Geburtstag oder schmerzliche Erinnerung, wenn eine Kerze auf dem Grab an einen geliebten Menschen erinnert.

Wenn wir für jeden Menschen, der am 5. März 1945 nach dem Bombenangriff auf Chemnitz erschlagen, verbrannt, erstickt ist - wenn wir für alle, die allein an diesem Abend gestorben sind, Kerzen entzünden - müssten es über 2000 Lichter sein.

Wenn wir für alle Juden Kerzen entzünden, die in den Konzentrationslagern, auf den Transporten oder in Zwangsarbeit gequält, vergast, ermordet wurden, müssten hier 6 Millionen Kerzen stehen.

Wenn wir für alle Toten des 2. Weltkrieges – Kinder, Frauen, Männer, Soldaten – Kerzen entzünden wollen, müssten es 60 Millionen sein.

Ein unfassbar großes Kerzenmeer.

Krieg ist die Perversion dessen, wozu Menschen in all ihrem Können und Tun auch im Stande sind. Wenn sie millionenfachen Mord organisieren. Wenn der Horror des Bösen zur Banalität verkommt.


Liebe Chemnitzerinnen und Chemnitzer, in unserer Demokratie gibt es ein Grundrecht auf Versammlungsfreiheit. Und Sie haben dieses Recht heute durch ihr Hier sein mit Leben erfüllt.

Wir gedenken der Zerstörung unserer Stadt, die große Teile der steinernen Stadtgeschichte in 1 Stunde für immer ausgelöscht hat.

Uns mahnt diese Tragödie: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus. Die meisten von uns haben das Glück, in Frieden geboren und aufgewachsen zu sein. Schuld daran haben wir nicht, dass durch den von Deutschland entfesselten Krieg und die Barbarei gegenüber Juden, Kommunisten, Christen, Gewerkschaftern, Sozialdemokraten, Homosexuellen und aufrechten Demokraten 60 Millionen Menschenleben ausgelöscht worden sind.

Aber wir haben Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder möglich ist. Wir sind nicht Schuld, aber wir sind als Nachkriegsgeneration diese Verantwortung den Opfern schuldig.

Und auch 67 Jahre nach dem Ende der Nazibarbarei ist diese Verantwortung nicht leicht oder erledigt.

 

 

Anrede,

am 23. Februar fand die Trauerfeier unseres Landes für die Opfer der Mordserie einer Terrorzelle statt, die sich den Namen „Nationalsozialistischer Untergrund“ gab. Zehn Menschen, neun Zuwanderer, die in unserem Land eine neue Lebensperspektive finden wollten, und eine Polizistin wurden von fanatischen Neonazis ermordet. Zehn ausgelöschte Leben. Eine Mordserie, die in unserem Land bis 2011 unentdeckt blieb. Das beschämt sicher ganz viele Bürgerinnen und Bürger in unserem Land.

Und das beschämt auch uns. Rechtsradikale Gewalt ist nicht irgendwo weit weg. Zwischen 1998 und 2000 lebten die drei Mitglieder der Terrorzelle u. a. auf der Limbacher Straße und der Wolgograder Allee in Chemnitz. Sie lebten in Chemnitz, weil sie hier auf ein Netzwerk von Unterstützern zurückgreifen konnten.

Aus der Rede von Bundeskanzlerin Merkel auf der Trauerfeier für die Angehörigen möchte ich einen Auszug zitieren, der mir nahe ist:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ – So beginnt unser Grundgesetz. Das war die Antwort auf zwölf Jahre Nationalsozialismus in Deutschland, auf unsägliche Menschenverachtung und Barbarei, auf den Zivilisationsbruch durch die Shoah. „ Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ – Das ist das Fundament des Zusammenlebens in unserem Land, der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland.

Wann immer Menschen in unserem Land ausgegrenzt, bedroht, verfolgt werden, verletzt das die Fundamente dieser freiheitlich-demokratischen Grundordnung, verletzt es die Werte unseres Grundgesetzes. Deshalb waren die Morde der Thüringer Terrorzelle auch ein Anschlag auf unser Land.


 

 

Anrede,

und wenn wir das genau so denken, spüren, dann heißt das: immer wieder hinsehen, wenn rechte CD’s und DVD’s bei den Kindern oder Enkeln auftauchen. In der Schule rechte Klamottenlabels angesagt sind. Ausländerfeindliche Parolen auftauchen.

Nicht im Fernsehen, nicht allein im Bundestag oder im Stadtrat wird entschieden, wie stark unsere Demokratie ist. Sondern vor allem in der Art und Weise, wie wir im Alltag zusammenleben, bereit sind, uns persönlich einzusetzen. Wie wir bereit und fähig sind, die Verantwortung aktiv anzunehmen, die sich uns aus dem Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten aufträgt.

Ob wir anderen Menschen – egal wo und woher – mit dem Respekt begegnen, den wir für uns selbst erwarten. Hier und im Ausland.

Chemnitz ist mit einem Ausländeranteil von 3 Prozent keine internationale Stadt. - Doch, Chemnitz ist eine internationale Stadt. Voller Stolz zeigen wir in den Kunstsammlungen gerade die Bilder der Peredwischniki. Großartige Bilder russischer Maler – ein Stück Weltkultur. Sänger, Musiker, Tänzerinnen unseres Theaters kommen aus vielen Ländern der Erde. Kunst kennt – wenn sie gut ist – keine Grenzen. Es ist kein Zufall, sondern ein Bekenntnis an unsere Stadt, dass sich Künstler unseres Theaters heute hier engagieren.

Und Chemnitz profitiert von der internationalen Ausrichtung vieler unserer Industrieunternehmen und unserer Universität.

Über 35 % der Produkte, die in Chemnitzer Industrieunternehmen produziert werden, exportieren wir auf alle Kontinente. Unsere Unternehmen schicken Chemnitzer in die Welt, um für unseren Fleiß, unseren Ideenreichtum, unsere Leistungen zu werben.

Ist es nicht paradox, wenn gerade heute und hier Neonazis mit ihrem ausländerfeindlichen Gedankengut durch unsere Stadt marschieren wollen?

 

 

Ich bin froh, dass seit rund zehn Jahren der 5. März in unserer Stadt als Friedenstag begangen wird. Viele Initiativen tragen ihn und engagieren sich das ganze Jahr. Sie leisten Aufklärung in Schulen, Jugendclubs und Widerstand, wenn rechte Kräfte Raum gewinnen wollen.

estern wurde die AG In- und Ausländer mit dem Friedenspreis geehrt. Eine Auszeichnung für Menschen, die sich seit Jahren dafür einsetzen, dass wir „ohne Angst verschieden sein können.“ Ich danke ihnen und allen, die sich oft unbeachtet engagieren, für ihren Einsatz.

Ich freue mich, dass wir gemeinsam so zahlreich ein Zeichen für ein friedliches, weltoffenes, buntes und tolerantes Chemnitz setzen, in dem kein Platz ist für Nazis.

Gestern habe ich mit Chemnitzerinnen gesprochen, die den Krieg und den 5. März miterlebt haben. Ich habe sie gefragt, was ihre Botschaft an uns ist.
Es ist eine eindringliche Antwort, die von den über 80-jährigen Frauen kam: Gebt den Nazis nie wieder eine Chance! Und tut alles dafür, das Frieden bleibt.