100 Jahre Neues Rathaus

Rede anlässlich 600 Jahre Schmiedeinnung – Eintragung ins Goldene Buch am 3. September 2011

 

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Sehr geehrter Innungsobermeister Herr Prüfer,
sehr geehrte Mitglieder der Schmiedeinnung Chemnitz,
sehr geehrter Herr Tittmann,
sehr geehrter Herr Präsident Mothes,
sehr geehrter Herr Dr. Karsten,
sehr geehrter Herr Stadtrat Fritsche,
sehr geehrter Herr Winter,
liebe Gäste,

Als vor 100 Jahren das Neue Rathaus eingeweiht wurde, war unter den begeisterten Zuschauern auch ein Goldschmied Paul Christiansen.
Die jubelnden Menschen, die festliche Stimmung, das imposante Bauwerk faszinierten den Handwerker.
Doch am meisten war er eingenommen von dem alten Symbol städtischer Freiheit: der Rolandsfigur über dem Rathauseingang.
Er griff kurzerhand zu seinem Werkzeug, schmiedete ein Petschaft, eine Art Stempel für das große Chemnitzer Ratssiegel, mit dem Bild des jungen Recken und stiftete es als Ehrengeschenk der Stadt Chemnitz.
Es ist mit vielen anderen Schaustücken in der Ausstellung „Schatz des Rates und der Bürger“ im Rathaus zu sehen.
 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,
die Schmiedeinnung und das Rathaus haben in diesem Jahr allen Grund zum Feiern.
Zwei Jubiläen stehen an:
100 Jahre Neues Rathaus und 600 Jahre Schmiedeinnung Chemnitz.
Ich bin stolz, dass wir diese Jubiläen gemeinsam begehen.

Schon der Bürgermeister von Chemnitz und Universalgelehrte Agricola wusste:
„Allein der Mensch vermag ohne die Metalle nicht die Dinge zu beschaffen, die zur Lebensführung und zur Kleidung dienen.“

Ausführlich beschreibt Agricola in seinem ersten Buch „De re Metallica“ die Vorteile des Rohstoffes, der auch für die Chemnitzer Entwicklung zur Industriestadt so wichtig war. Er beschreibt es so:
„Wenn die Metalle nicht wären, so würden die Menschen das abscheulichste und elendste Leben unter wilden Tieren führen; sie würden zu den Eicheln und dem Waldobst zurückkehren, würden Kräuter und Wurzeln herausziehen und essen, würden mit den Nägeln Höhlen graben, in denen sie nachts lägen, würden tagsüber in den Wäldern und Feldern nach der Sitte der wilden Tiere umherschweifen.“ (Zitat Ende)

Mit dem erfolgreichen Bergbau in der Region wuchs auch das Schmiedehandwerk. Im Chemnitzer Urkundenbuch von 1408 bis 1415 findet die Schmiedeinnung erstmals Erwähnung.
 

 

Dabei war der Schmied seit Beginn mehr als ein Handwerker. Er war eine angesehene Autorität.
Dies könnte wohl daran liegen, dass eine dörfliche Gemeinschaft ohne die Tätigkeit des Schmiedes nicht auskommen konnte. Die Pferde mussten beschlagen, Werkzeuge und Waffen geschmiedet werden.

Natürlich waren auch die Frauen angetan, wenn sie die kostbaren Produkte, wie Ketten, Broschen und anderer Frauenschmuck sahen, der unter den Händen der Männer entstand.

Anerkennend betrachtet Agricola (Zitat)„die so gefälligen, geschmackvollen, kunstreich gearbeiteten, nützlichen Gegenstände des Kunsthandwerks, welche in mannigfachen Gestalten die Gold- und Silberschmiede, Kupfer-, Zinn- und Eisengießer aus den Metallen herstellen.“
Neben dem handwerklichen Können waren Schmiede oft auch für ihre gesellschaftliche Verantwortung bekannt, waren Vermittler, Streitschlichter oder Impulsgeber für die Entwicklung eines Ortes.
Mit ihren tüchtigen und harten Arbeiten fanden die Schmiede in Chemnitz gute Gesellschaft.
Zupackend, kraftvoll, zuversichtlich – das brauchte die wachsende Stadt.

Ohne Metall wäre der industrielle Aufschwung unmöglich gewesen.
Ohne einen geschmiedeten Essenring hätten die großen Schornsteine der Fabriken nicht gehalten.
Ohne eine gute Schmiedeausbildung wären die erfolgreichen Unternehmer unserer Stadt wahrscheinlich nicht auf ihre genialen Ideen gekommen.

Richard Hartmann war ein junger Zeugschmied, als er 1832 nach Chemnitz kam. Er hat wie kaum ein anderer das erste Vorankommen der Chemnitzer Industrie mitbestimmt.

August Horch, dessen Unternehmen Horch und Audi in den vier Ringen der AutoUnion eingingen, stammte aus einer Winzer- und Schmiedefamilie. Er arbeitete zuerst in der Schmiede des Vaters, bevor er zum technischen Studium aufbrach.

Die Begeisterung für grobe, schwere Materialien und die harte, genaue handwerkliche Arbeit sollten sich in Maschinen, Fabriken und Werkzeugen wieder finden.

Doch auch zahlreiche Rückschläge gehören zur Geschichte Ihrer Innung, wie die Zerstörung von Innungsinsignien 1945 bei einem Brand im Haus des Innungsobermeisters. Und die Auflösung der Innung zwischen 1945 und 1989.

Gerade in den letzten 20 Jahren, seit der deutschen Wiedervereinigung, musste die Schmiedeinnung viele Umstellungen meistern.
Der politische Umbruch war auch für das Schmiedehandwerk ein Neuanfang.

1990 wurde die Schmiedeinnung neu gegründet und schloss sich dem neugegründeten Fachverband Metall Sachsen an.
Gemeinsam geht es wieder ans „Pläne schmieden“.

Das Berufsbild eines Schmiedes hat sich in den Jahren sehr gewandelt. Die Produkte sind vielfältiger als je zuvor. Tore, Zäune und Gitter werden kunstvoll geschmiedet.
Lampenaufhängungen im Rathaussaal oder Zaunelemente in der Villa Esche zeugen von Ihrer großen Kunst.
Oft übersehen wir die Schmiedearbeiten, die unser Umfeld prägen: Türbeschlagungen, Fensterrahmen oder Treppengitter.

Und noch weniger denkt man an den traditionellen Schmied bei hochmodernen Stahl-Glas-Bauten, Fluchttreppen oder Brandschutztüren, Kunst aus Stahl und Nicht-Eisen-Metall am Bau oder Produkte für Krankenhäuser und die Lebensmittelindustrie.
 

 

Anrede,
Sie machen es richtig, wenn Sie die Menschen auf ihre großartige Arbeit hinzuweisen.

Auf dem Jakobikirchplatz können die Chemnitzerinnen und Chemnitzer heute über Ihr Handwerk staunen. Sie können selbst ausprobieren, wie schwer es ist, dem Metall die gewünschte Form zu geben. Und wie viel Kraft, Können und Geschick von Nöten ist, brauchbare Gegenstände herzustellen.
Mit Fanfarenzug sind Sie hier aufgetreten. Bergsänger aus Geyer werden gemeinsam mit dem Convivium musicum in der Jakobikirche musizieren.
Und beim großen historischen Festumzug heute Nachmittag sind Sie natürlich dabei.
 

 

Anrede,
Ist nun jeder selbst seines Glückes Schmied?
Eben gerade nicht. Oder auf alle Fälle immer nur zum Teil.
Heute hat ihre Innung 43 Betriebe und ein großer Gemeinschaftssinn zeichnet sie aus.
Die Fäden hält seit mehr als 30 Jahren Innungsobermeister Bernhard Prüfer zusammen. Er ist guter Organisator und verlässlicher Ansprechpartner – egal ob für Althandwerksmeister, Unternehmer und Auszubildende.

Bei Fachabenden und Innungsversammlungen tauschen Sie sich aus. Sie schmieden mit Schülern im Industriemuseum und können die jungen Leute so für ihre Arbeit begeistern.
Deshalb erhielten Sie auch im Jahr 2007 den dritten Preis beim bundesweiten Wettbewerb Ausbildungs-Ass.

Eine traditionsreiche Schule in Chemnitz, die wie das Rathaus auch schon über 100 Jahre alt ist, bietet eine gute Ausbildung für Ihren Nachwuchs.
Ihren Auszubildenden gelingt oft der Sprung unter die ersten drei Plätze bei den Landes- und Bundesausscheiden.

Wer über solchen Nachwuchs verfügt, darf stolz sein. Sie können nicht nur die Geschicklichkeit und das Handwerk des Schmiedes an die nächste Generation weitergeben, sondern auch die Werte von Gemeinschaftssinn, Gerechtigkeit und Zusammenhalt.

Unser Roland ist ebenfalls ein friedliebender Zeitgenosse. Zwar führt er ein – wahrscheinlich gut geschmiedetes – Schwert mit sich,
aber es ist – wie bei nur wenigen Rolandfiguren – gesenkt.
Und um des Schwertes Spitze windet sich eine kleine Knabenfigur. Als wollte er uns zurufen: Fördert eure Entwicklung auf friedlichem Wege.

Heute zum Jubiläum erhalten Sie einen kleinen Roland.
Er ist 11 Zentimeter groß, wiegt 265 Gramm und wurde aus Zinn hergestellt.
Er soll Ihnen Glück bringen
und für viele gemeinsame Erfolge sowie friedliche und fröhliche Stimmung sorgen.
Ich gratuliere Ihnen recht herzlich zu 600 Jahre Schmiedeinnung Chemnitz!
und darf Sie einladen, sich ins Goldene Buch der Stadt einzutragen!