100 Jahre Neues Rathaus

Festrede zum Festakt „Eintragung von Unternehmen, die 100 Jahre und länger in Chemnitz erfolgreich wirken, in das Goldene Buch der Stadt“ am 26.08.2011

 

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Sehr geehrte Mitglieder des Deutschen Bundestages,
sehr geehrte Mitglieder des Sächsischen Landtages,
sehr geehrte Stadträtinnen und Stadträte,
sehr geehrter Herr Präsident Prof. Naumann,
sehr geehrter Herr Präsident Mothes,
sehr geehrter Herr Wunderlich,
sehr geehrte Ehrenbürger, Herr Magirius,
sehr geehrter Herr Rotstein,
sehr geehrte Frau Müller.
Ganz besonders begrüßen möchte ich Sie, liebe Unternehmerinnen und Unternehmer,

vielen Dank, dass Sie alle der Einladung zum heutigen Festakt so zahlreich gefolgt sind. Das zeigt mir, wie stark die Unternehmenstradition in Chemnitz gelebt wird.

Ich freue mich, Sie hier im restaurierten Stadtverordnetensaal, der mit dem Rathaus seinen 100. Geburtstag feiert, empfangen zu können.

Anrede,
Verfolgt man die Wirtschaftsnachrichten der letzten Monate, so mutet es fast anachronistisch an, wenn wir heute Unternehmen für ihre lange Tradition ehren. Unternehmen, die 100 Jahre und länger Bestand haben. Das Wirtschaftsleben scheint so unberechenbar schnelllebig. Die Börsenkurse gleichen Fieberkurven. Tradition, Ausdauer, Geschichte scheinen da nicht hineinzupassen.

Noch vor zwei Jahren war die Wirtschaftskrise zu meistern. Daraus wurde im Jahr darauf die Wirtschafts- und Finanzkrise. Darauf folgte - vor allem in Deutschland - Wachstum. Und heute sehen wir mit Sorge die Entwicklung im Euroraum und in den USA. Die Zyklen der wirtschaftlichen Aufs und Abs werden immer kürzer, härter. Und trotz umfangreicher Berichterstattungen in den vielen Medien sind Ursache und Wirkung kaum zu durchdringen.

Gerade einmal 6% aller Deutschen besitzt Aktien . Und trotzdem gehören die Börsennachrichten zum festen Teil fast jeder Nachrichtensendung. Ratingagenturen, deren Arbeit und Wirken nur die wenigsten auf die Schnelle erklären könnten – entscheiden über die Zukunft ganzer Staaten. Der Zusammenhang zwischen Finanz- und Realwirtschaft bleibt unklar.
 

 

Anrede,
vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Ist es denn heute ein Wert, wenn sich ein Unternehmen seit 100 Jahren oder noch viel länger behauptet?

Als Oberbürgermeisterin dieser Stadt beantworte ich diese Frage mit einem ganz entschiedenen Ja. Eine mehr als hundertjährige Unternehmensgeschichte ist ein Wert an sich, ein ganz besonderer und kostbarer Wert. Das sage ich mit großem Respekt vor und Stolz auf Ihre ganz persönliche Leistung und Hingabe für Ihr Unternehmen.

Spricht man über Wirtschaftsgeschichte in Deutschland, kommt man zu Recht schnell beim Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit – zumindest wenn man von der Bundesrepublik Deutschland spricht - an.

Der Begriff vom Wirtschaftswunder schließt bisher zu Unrecht Unternehmen wie die Ihren nicht mit ein.

Ich sage das nicht, damit Sie sich bei Ihrem Eintrag ins Goldene Buch besondere Mühe geben. Sondern weil ich der festen Überzeugung bin, dass die Geschichte der hier im Saal vertretenen Unternehmen Wirtschaftswunder sind. Auch wenn Ihre Wunder anders erarbeitet sind, oft abseits öffentlicher Beachtung.

Sie sind starke Beispiele solider, mutiger, kluger, unternehmerischer Tugenden.

Spätestens 1911 werden die Unternehmen gegründet, in deren Namen Sie heute hier versammelt sind. Chemnitz geht es wirtschaftlich gut und immer besser. Die Industrialisierung treibt die Stadt an. Die Einwohnerzahl wächst und die Stadt fast in jeder Hinsicht über sich hinaus. Die Stadtväter entscheiden sich für den Bau des Neuen Rathauses. Es wird gebraucht. Aber es steht auch symbolisch in der Mitte der Stadt. Als kraftvolles Zeichen einer neuen Epoche.
 

 

Das Wachstum scheint grenzenlos zu sein. Das Bild in diesem Saal von Max Klinger „Arbeit, Wohlstand, Schönheit“ fasst den Geist dieser Stadt. Das Rathaus wird ein schöner Bau. Das Haus und das Bild haben bis heute in ihrer Aussage Bestand.

Vor 100 Jahren, in dieser für die Stadt guten Zeit wirtschaftlichen Wachstums, ist es günstig, ein Unternehmen zu gründen, einen Betrieb oder einen Laden zu eröffnen. Unternehmen haben eine wachsende Basis und expandieren mit der Stadt.

Doch schon wenige Jahre später fallen mit dem Ersten Weltkrieg Schatten auf Deutschland, unsere Stadt und ihre Unternehmen. Chemnitz, die Herzkammer des industriellen Fortschritts in Sachsen und Deutschland flackert. Dem steten Bergauf, dem Höher und Weiter folgt spätestens mit Kriegsende die Ernüchterung: Massenarbeitslosigkeit, Hunger. Die bis dahin so aufstrebende Geschichte der Chemnitzer Unternehmen kommt ins Stocken. Nur ein erster Auftakt für das, was noch folgen soll im vergangenen Jahrhundert.

Mit der Industrialisierung begann die durchgreifende Globalisierung. Und bis in kleine und familiengeführte Unternehmen hinein zeigen sich jetzt die Schattenseiten.
 

 

Vor dem zweiten Weltkrieg bleibt wenig Zeit sich zu erholen, neue Kraft zu schöpfen. Nazi-Regime und Zweiter Weltkrieg bedeuten das abrupte Ende vieler Unternehmen und Betriebe. Ich denke dabei zuerst an das starke jüdische Unternehmertum. Innerhalb kurzer Zeit werden jüdische Unternehmen geschlossen, Geschäfte mit langer Tradition werden drangsaliert, verschwinden von einem Tag auf den anderen. Für immer.

Die Folgen dieser furchtbaren Gewalt spüren auch viele andere Unternehmen. Bomben, Hunger und ein Mangel an praktisch Allem zwingen viele Betriebe in die Knie. Häufig sind es Sekunden und nur wenige Bomben, die den traurigen Schlusspunkt unter eine Jahrzehnte lange Unternehmensgeschichte setzen. Die Stadt liegt, wie halb Europa in Trümmern. Das Neue Rathaus bleibt stehen - wie durch ein Wunder – inmitten einer zerstörten Stadt.

Nach dem Krieg stehen sich nicht nur zwei politische Systeme immer unversöhnlicher gegenüber. Es entbrennt auch der Kampf um wirtschaftlichen Wohlstand als Ausdruck der überlegenen Ideologie. Auf der einen Seite lernen die Deutschen Demokratie und soziale Marktwirtschaft. Mit viel Fleiß und finanzieller Unterstützung haben sie die Chance für einen Neubeginn. Ein Experiment, was gelingen wird.

Auch in der sowjetischen Besatzungszone wollen die Menschen ihre Städte und Unternehmen wieder aufbauen. Das zweite Experiment beginnt. An Stelle finanzieller Unterstützung und guten Handelsbeziehungen werden Betriebe verstaatlicht, Unternehmer enteignet, Reparationsleistungen abgefordert.

Für viele Betriebe wird damit der Faden ihrer teilweise langen Geschichte für immer durchtrennt. Jene, die durchhalten, erleben keine unternehmerische Freiheit, sondern Produktion nach Vorschrift.

Ein deutscher Satiriker, Dieter Hildebrandt, hat einmal bezogen auf die Bundesrepublik scharfzüngig zynisch formuliert: „Die Politik ist nur der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.“ Damit hat er ungewollt auch die wirtschaftliche Teilung Deutschlands beschrieben. Denn für die DDR galt der Satz so: Die Wirtschaft ist nur der Spielraum, den die Politik der sozialistischen Planwirtschaft lässt. Und dieser Spielraum war gering.

1972 folgte mit einer Verstaatlichungswelle ein weiterer Schlag gegen das tapfere Unternehmertum in der DDR. Fleißig gearbeitet wird auch in den VEB-Betrieben. Die Ausbildung ist gut. Viele Kompetenzen und der Wille, das Beste unter den gegebenen Umständen zu erreichen, sind vorhanden. Es ist eine große Leistung, wie in Karl-Marx-Stadt gearbeitet wird. Die sozialistische Planwirtschaft wird trotzdem scheitern.
 

 

Meine Damen und Herren,
Dann 1989. Plötzlich - endlich - ist die Freiheit da! Aber wie damit umgehen? Betriebe und Unternehmen müssen Eigentumsrechte einfordern, Grundstücke erwerben, Rückübertragungsrechte einfordern, viele juristische Hürden überwinden. Oftmals fehlt für den Neuanfang ganz einfach das Startkapital. Die neue Freiheit ist für nicht wenige Unternehmerinnen und Unternehmer zum Greifen nah und doch unerreichbar.

Jene, die sich ihr Geschäft wieder aufbauen, den Neustart wagen, müssen sich in einer neuen weiten Welt zurechtfinden. Vom Plan zum Markt: ein Sprung ins kalte Wasser. Wer es wagt, muss kämpfen. Sie haben gekämpft, schlaflose Nächte durchwacht. Und Sie haben sich behauptet.
 

 

Anrede,
man muss das Eine nicht relativieren, um das Andere zu würdigen: Das Wirtschaftswunder im westlichen Nachkriegsdeutschland ist beeindruckend und ist zu Recht ein bedeutendes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte.

Nicht weniger beeindruckend aber sind Unternehmen wie jene, die Sie heute hier vertreten. Diese Unternehmen haben verschiedene politische Systeme und Wirtschaftssysteme überstanden, oder durch einen Neustart nach 1989 die Tradition wieder zum Wert gemacht. Hier haben viele Wirtschaftswunder stattgefunden, die in ihrer Summe die Bezeichnung eines deutschen Wirtschaftswunders ebenso verdienen. Sie haben Tradition und Zukunft erfolgreich zusammengebracht.
 

 

Meine Damen und Herren,
ich hoffe Sie verzeihen, wenn ich Ihnen unterstelle, dass Sie Ihre wirtschaftlichen Erfolge nicht ausschließlich deswegen verfolgt haben, um zum Erfolg der Stadt beizutragen. Was ich aber unterstellen möchte ist, dass Sie sich aus voller Überzeugung in Chemnitz engagiert haben und dies unvermindert tun.

Und wenn ich die eingangs gestellte Frage nach dem Wert einer langen Unternehmensgeschichte noch einmal aufgreifen darf: Ihr unternehmerischer Erfolg ist immer auch ein Erfolg für die Stadt und die Chemnitzer Bürgerschaft. Und ich denke dabei nicht nur an das Wohl der Stadtkasse.

Ich denke an den Wert von Tradition und Zukunftsdenken in einer sich für Chemnitz wandelnden Welt: Aufbrechende, starke Industriestadt, umfassende Kriegszerstörung, Verlust des Stadtnamens, Experimentierfeld, schwerer Neuanfang als moderne Industriestadt.

Ihre Unternehmen, Ihre Lebensleistungen stehen dafür, dass sich Chemnitz nicht verloren hat, die Tür zur eigenen Herkunft nie ganz zugeschlagen wurde. Und dass unsere Stadt wieder zu sich gekommen ist. Sie schufen und schaffen Arbeitsplätze. Tausende Fachkräfte trugen und tragen ihre Unternehmen. Können und Fleiß begründen das Selbstverständnis unserer Stadt.
 

 

Anrede,
Sie erlauben bitte, wenn ich das älteste Unternehmen, den Gasthof Goldener Hahn, als ein besonderes Beispiel herausgreife. Als dieser 1738 öffnet, ist Chemnitz Teil des Heiligen Römischen Reiches. Die Welt kennt weder den Namen Goethe noch die Planeten Uranus, Neptun oder Pluto. Die französische Revolution liegt in ebenso weiter Ferne wie die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika oder die für Chemnitz so wichtige industrielle Revolution.

Ist es nicht faszinierend, sich die Tischgespräche aus den vergangenen Jahrhunderten vorzustellen? Sich auszumalen, wie Menschen ganz verschiedener Epochen sich dort eingefunden haben, um zu essen, zu trinken, sich auszuruhen und auszutauschen. Und der „Goldene Hahn“ ist noch heute in dieser Welt von Internet und Pauschalreisen ein beliebter Treffpunkt, ja eine „Institution“.

Unternehmen mit Geschichte hinterlassen Spuren, prägen ihre Umgebung und wirken als historische Anker im Zeitgeschehen.

Als Bürger, Mitarbeiter, Kunde, als Beobachter eines sich verändernden Stadtbildes nehmen die Menschen Betriebe und Fabriken, Läden und Geschäfte in ihrem Umfeld wahr, beobachten ihre Entwicklung über Jahre hinweg.

Und natürlich macht es die Bürger stolz, wenn erfolgreiche Unternehmen in der Stadt ansässig sind. Besonders wenn diese sich in ihrer Stadt einbringen, Botschafter sind, sich engagieren und präsent sind. Als Arbeitgeber, Ausbilder und Fundament im Wandel der Zeit.

Ich denke auch an das vielfältige Engagement Chemnitzer Unternehmen für Sport, Kultur, Soziales. Viele Betriebe und Firmen unterstützen seit Jahrzehnten Vereine und Initiativen - auf ganz verschiedene Weise. Damit leisten Sie einen großen Beitrag für das Gemeinwesen in der Stadt und für die Menschen, die hier leben.

Oder denken Sie jetzt an den Chemnitzer Firmenlauf. Im vergangenen Jahr haben fast 2.000 Läuferinnen und Läufer aus etwa 260 Unternehmen mitgemacht. Und die Chemnitzerinnen und Chemnitzer standen begeistert an der Strecke und haben sie angefeuert. Sie [die Chemnitzer] sind stolz auf die Kraft ihrer Unternehmen. Zu Recht.

Ein anderes Beispiel für die gewachsenen Beziehungen zwischen den Bürgern und den Unternehmen in der Stadt sind die Tage der Industriekultur. Im vergangenen Jahr erstmals veranstaltet, nutzten Tausende die Möglichkeit, in die Betriebe zu gehen, sich moderne Werkstätten und Fabriken anzuschauen.

Chemnitz ist eine moderne Industriestadt mit vielen Facetten. Von daher möchte ich alle Unternehmerinnen und Unternehmer ermutigen: Die Chemnitzerinnen und Chemnitzer sind neugierig und Tage des offenen Unternehmens, der offenen Fabrik, des offenen Geschäfts finden in Chemnitz ein aufgeschlossenes, neugieriges Publikum.
 

 

Meine Damen und Herren,
unabhängig davon, wie alt Ihr Unternehmen ist: der Wert Ihrer Geschichte liegt in dem Beitrag zu dem, was Chemnitz heute ist. Wie wir Gegenwart und Zukunft meistern. Chemnitz ist – wie gesagt - wieder zu sich gekommen – als Wirtschaftsort, als Kulturstadt, als sportliche Basis, als Familienort, als Ort zum Leben. Und das verdankt die Stadt zu einem erheblichen Teil ihren Unternehmen.
 

Chemnitz gehört zu den am stärksten wachsenden Wirtschaftsorten in Deutschland. Eine bemerkenswerte, robuste Bilanz können wir im 100. Jahr unseres Neues Rathauses in die Stadtchronik schreiben.

Die hiesige Kultur hat sich einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet. Die Lebensqualität der Stadt steigt. Chemnitz gewinnt an Attraktivität. Allmählich spiegelt sich der gute Weg auch in der Bevölkerungsentwicklung wider.

Natürlich gibt es noch viel zu tun. Das war hier aber schon immer so. Schauen wir nicht 100, sondern 20 Jahre zurück. Wer hätte gedacht, dass Chemnitz sich so entwickelt. „Arbeit, Wohlstand, Schönheit“, das kluge Motiv von Max Klinger gibt Chemnitz Fassung und Stil.

Sie persönlich haben daran einen entscheidenden Anteil. Dies betrifft die Handwerks- und Industriebetriebe ebenso wie Handel und Gastronomie oder Kultur- und Bildungseinrichtungen, große Unternehmen wie kleine und familiengeführte mittelständische. Sie repräsentieren am heutigen Tage diese Vielfalt und Stärke des Chemnitzer Unternehmertums. Und das unsere Universität, die in diesem Jahr 175 Jahre alt wurde, dazugehört, ist mit Ihnen allen gemeinsam eine starke Botschaft für die Zukunft der Stadt.

Und in diesem Sinne soll die heutige Ehrung zuerst Ihre Leistung und Ihre bemerkenswerten Unternehmensgeschichten würdigen. Aber ich begreife ich Eintrag in das Goldene Buch der Stadt auch als eine beiderseitige Vereinbarung, dass Stadt und Unternehmen auch in Zukunft das Wohl von Chemnitz gemeinsam befördern.