Festrede

zur Einweihung des rekonstruierten Stadtverordnetensaals am 22. Januar 2011


Es gilt das gesprochene Wort!

 

Sehr geehrtes Mitglied des Deutschen Bundestages,
Herr Frank Heinrich

sehr geehrte Mitglieder des Sächsischen Landtages,
Frau Annekathrin Giegengack, Frau Ines Saborowski-Richter, Herr Horst Wehner,

sehr geehrte Ehrenbürgerin, Frau Jutta Müller,
sehr geehrte Ehrenbürger, Herr Siegmund Rotstein und Herr Christoph Magirius,

Sehr geehrter Herr Philipp Rochold, Vizepräsident der Landesdirektion Chemnitz,

Sehr geehrte Stadträtinnen und Stadträte,

Ich begrüße ganz herzlich den Oberbürgermeister a.D., Herrn Dr. Peter Seifert,

Sehr geehrter Herr Präsident Mothes,
Sehr geehrter Herr Professor Erfurth,

Sehr geehrte Damen und Herren Bürgermeisterinnen und Bürgermeister,

Mit großer Freude begrüße ich die Repräsentanten der Handwerksbetriebe und Unternehmen, die die Sanierung des Stadtverordnetensaales realisierten,
 

liebe Chemnitzerinnen und Chemnitzer, sehr geehrte Gäste.

Die Stadt ist festlich geschmückt. Mit Fahnen, Wappen, Zunftzeichen, Blumen und herausgeputzten Menschen. Der König kommt mit dem Zug aus Dresden. Es ist ein großer Festtag für Chemnitz. Am 2. September 1911 wird das Neue Rathaus geweiht.

Der Stadtverordnetensaal ist das Zentrum des Hauses. In diesem Saal findet am 21. September 1911 die erste Sitzung der Stadtverordneten statt. Der Stadtverordnetenvorsteher Oberjustizrat Eulitz eröffnet mit folgenden Worten:
„Das Gemeinwohl soll das erste und oberste Gesetz sein.“
„Wir können deshalb nach meiner Überzeugung heute diesen Saal nicht besser weihen und seiner Bestimmung übergeben, als dass wir das Gelöbnis erneuern, in Zukunft alle Kräfte für das einzusetzen, was Recht und Pflicht der Selbstverwaltung den städtischen Körperschaften auferlegen, nämlich unserer Stadt und ihrer Einwohnerschaft zu dienen, pflichtgemäß, selbstlos, unparteiisch, treu und gewissenhaft.“
 

 

Anrede,

Die Sprache klingt vielleicht etwas antiquiert. Doch der Inhalt ist uns nahe. Kommunale Selbstverwaltung damals vor 100 Jahren.
Und jetzt – eingebettet in eine Demokratie. Kommunale Selbstverwaltung ist ein traditionsreiches, hohes, ein stolzes Gut.

Fünf Gesellschaftssystemen gab dieser Raum die äußere Fassung. Sternstunden der Menschlichkeit, sachliche Debatten, Niedertracht menschlichen Tuns, Gleichgültigkeit, Lachen, Weinen, Musik – all das hat der Raum in dieser Zeit eingefasst.

Bürger repräsentierten damals und repräsentieren heute die Stadtgesellschaft. Noch nie waren die Stadträtinnen und Stadträte so frei und demokratisch legitimiert und deshalb so gefordert in der Verantwortung wie heute. Kommunale Selbstveraltung ist wesentlicher Antrieb und Bestandteil unserer Demokratie. Sie, liebe Stadträtinnen und Stadträte, übernehmen auf Zeit Verantwortung für alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt.

Sie stellen sich in den Dienst des Gemeinwohls. Ein hohes Amt, ein hoher Anspruch. Er gilt in ebenso für den Oberbürgermeister oder die Oberbürgermeisterin.

Das gleichsam Faszinierende und Anstrengende an kommunaler Selbstverwaltung ist es der Sache und den davon betroffenen Bürgern nahe zu sein. Und das es fast nichts gibt im Lebenskreis der Stadt, wofür wir nicht irgendwie zuständig sind. In den vergangenen 100 Jahren kamen viele Aufgaben dazu.

Die wesentliche Behandlung dieser Aufgaben, die Entscheidung über das Ob und Wie, findet in den Stadtratssitzungen statt.

Auch wenn die gesellschaftlichen Umstände im Kaiserreich des Jahres 1911 völlig andere waren als sie es heute 2011 in unserer Republik sind: Es gibt Dinge, die kommen uns vertraut vor. Obwohl sie 100 Jahre her sind.

Und so nahm, meine sehr geehrte Damen und Herren, also die erste Stadtverordnetensitzung im September 1911 ihren Lauf. Nach feierlichen Eingangsworten von Stadtverordnetenvorsteher Eulitz und Oberbürgermeister Dr. Sturm ging es in der Tagesordnung gleich zur Sache und um eine Petition:

Ich zitiere aus dem Sitzungsprotokoll. Herr Eulitz trägt Folgendes vor:

„Ich habe weiter mitzuteilen, dass von einer Anzahl Anwohner der Brückenstraße eine Petition eingegangen ist, dahingehend, das Stadtverordneten-Kollegium zu Chemnitz möge auf den Rat der Stadt Chemnitz einwirken, dass der geplante Bau eines Zeitungskiosks an der Kreuzung der König- und Brückenstraße ganz unterbleibe oder, wenn dies nicht angängig, in Dimensionen ausgeführt werden, die wenigstens die schlimme Schädigung der anliegenden Hausbesitzer und Geschäftsinhaber mildern.

Es wird zur Begründung der Bitte ausgeführt, dass der geplante Bau an einem Punkte mit lebhaftem Verkehre ungemein hemmend wirken würde. Eine zwingende Notwendigkeit für die Vergrößerung sei nicht vorhanden. Er verhindere überdies die Entwicklung des südlichen Teiles der Brückenstraße als Geschäftsstraße.“

„Gerade die architektonisch angenehm wirkende Linie der Bäume werde durch diesen Bau für alle Zeit gestört. Die Petenten glauben nicht, dass in anderen Städten etwas Ähnliches geschaffen werden würde, und es habe Chemnitz wohl besonders nötig, alles nach dieser Seite zu vermeiden, was den Eindruck der inneren Stadt schmälern könnte.“ (Zitat Ende)
Mit scheint, wir Chemnitzer sind uns treu geblieben.
 

 

Anrede,

wir sind heute hier zusammengekommen, um diesen besonderen Saal wieder in Besitz zu nehmen. Ich danke Ihnen herzlich, dass Sie zu diesem in unserem Leben einmaligen Ereignis gekommen sind.
Dass wir in diesem, in seiner Schönheit wiederaufgeblühten Raum, arbeiten dürfen, ist keine Selbstverständlichkeit.

1905 haben unsere Vorgänger den dafür entscheidenden Beschluss gefasst.

Nach Opernhaus und König-Albert-Museum vollzog Stadtbaurat Richard Möbius mit dem Neuen Rathaus einen weiteren großen Schritt zum neuen Chemnitzer Stadtbild.

Vor 100 Jahren bestand dringend Handlungsbedarf. Die Stadt wuchs mit ihren inzwischen über 300.000 Einwohnern fast in jeder Hinsicht über sich hinaus.

In den engen Straßen und Plätzen des noch weitgehend vom Mittelalter geprägten Stadtzentrums musste Platz geschaffen werden. Für neue städtische Räume, für Funktionales und für Repräsentatives. Platz wurde auch benötigt für eine leistungsstarke Kommunalverwaltung.

Die Aufgaben der Stadtverwaltung waren gewachsen. Der Zeitgeist lebte überhaupt von scheinbar unablässigem Wachstum. Er wurde gespeist von einer immer stärker werdenden Wirtschaftskraft. Kein Gedanke im Jahr 1911 galt Krieg und Zerstörung. Kein Gedanke an den Bruch und die Umkehrbarkeit städtischer Entwicklung als Kriegsfolge.

Wohl aus diesem Selbstbewusstsein heraus rangen die Räte intensiv mit Stadtbaurat Möbius um die Entwurfsplanung.

Die erste Vorlage lehnte der Bauausschuss ab. Der Entwurf war den Ratsherren zu wenig repräsentativ.
Sie forderten unter anderem großzügige Balkone, „…von denen (ich zitiere) bei festlichen Veranstaltungen Huldigungen seitens der Landesherren entgegengenommen oder Ansprachen gehalten werden können…“. (Zitat Ende)
Auch im Inneren sollte kein Aufwand gescheut werden, so der Wille des Rates. Aus diesem Anspruch heraus fiel bereits in der Anfangsphase der Planungen eine Vorentscheidung für das Großgemälde Max Klingers.

Solide Bauweise, Schönheit und die zahlreichen Gestaltungswünsche der Ratsherren mussten unter einen Hut gebracht und möglichst innerhalb des Budgets realisiert werden. Ein Anspruch, der nicht umsetzbar war.
Auch dieser Bau, dass muss ich offen sagen, verursachte vor 100 Jahren erhebliche Mehrkosten. Nach und nach wurden diese etwas widerwillig von den Stadtverordneten genehmigt.

Wo Neues entstehen soll, muss gelegentlich zuvor Altes weichen. Und wie das auch heute gelegentlich vorkommt, fanden die Abbrucharbeiten der alten Gebäude an Markt und Neumarkt nicht die ungeteilte Zustimmung der Chemnitzerinnen und Chemnitzer. Immerhin befand sich auch die alte Lateinschule aus dem 14. Jahrhundert darunter.

So musste sich der zuständige Ausschuss nicht nur einmal mit Eingaben des „Städtischen Vereins“ zum Denkmalschutz befassen. Im Ergebnis dieser Bürgereingaben wurde unter anderem das alte Portal der Lateinschule in den Neubau integriert und auf der Marktseite der Giebel dem alten Gewandhaus nachempfunden.

Das Schließen von Kompromissen ist oft eine gute Grundlage kommunaler Gestaltungskraft. Heute wie damals.
 

 

Anrede,

fast 100 Jahre später war der Stadtverordnetensaal in keinem guten Zustand.
Es ist trotzdem keine Selbstverständlichkeit, was der Chemnitzer Stadtrat im Juni 2009 beschlossen hat.
Noch immer gibt es so viel zu tun in unserer Stadt. Schulen, Kitas, Straßen, Sporthallen warten auf ihre Sanierung. Deshalb haben wir lange mit der dringenden Sanierung dieses Saales gewartet.

Es war eine – wie ich finde – gut abgewogene und kluge Entscheidung zur richtigen Zeit. Respekt, Stolz vor und auf unsere Traditionen tragen den Beschluss. Und das Wissen, dass dieses Haus wie kaum ein anderes in der Stadt Identifikation und 100 Jahre Stadtgeschichte repräsentieren.

Das Ziel der Sanierung und Rekonstruktion war es, den ursprünglichen historischen Charakter des Raumes herauszuarbeiten. Gleichzeitig soll die Funktionalität des Saales für unsere Sitzungen und einige ausgewählte Veranstaltungen gegeben sein. Die klassische Verbindung also von Tradition und Moderne. Oder, wie es OB Dr. Sturm in der ersten Stadtverordnetensitzung sagt: „Neues Leben will neue Art, aber nicht in dem Sinne, dass wir mit der Tradition der Vergangenheit brechen, das Werk unserer Väter gering achten.“

Anrede,

Dieser Raum hat durch die feinsinnige Sanierung seine ganze Würde zurückbekommen. Es ist an uns, ihn mit Geist, Sinn und Leben zu füllen.

Wir halten uns, so man den Geist dieses Raumes aufnimmt an das Gelöbnis unserer Kollegen vor 100 Jahren: „Das Gemeinwohl ist das erste und oberste Gesetz.“ Das gilt heute wie damals.

Der Sinn unseres Tuns ist es, den Nutzen für die Stadt zu mehren und Schaden von ihr abzuwenden.

Das Leben in der Stadtgemeinschaft wollen wir mit organisieren. Wir wollen das gut und demokratisch tun.

Dieser Raum ist voller gestalterischer Harmonie und kulturvoller Prägnanz. Eine stilvolle Gelassenheit, Charakter, Würde erfüllt diesen Raum.

Und dann das Bild:
„Arbeit-Wohlstand-Schönheit“ – das Motiv von Max Klinger. Er gibt es dieser Stadt 1918 mit auf den Weg. Rätselhaft und schön.
Ein Lebensmotto für unser Chemnitz: „Arbeit-Wohlstand-Schönheit“

Beste Voraussetzungen, sehr geehrte Stadträtinnen und Stadträte, in dieser Verfassung, in diesem Raum mit Charakter an die Arbeit zu gehen. Nicht leicht, wenn ich an unsere nächsten Sitzungen denke.
Doch heute wollen wir uns freuen, dankbar sein und stolz.
Ich danke allen von Herzen, die geplant, gedacht, gemacht, gebaut haben. Fast 20 Firmen haben rund 1,7 Mio. € denkmalschutzgerecht angelegt.

Wir, die Nutzer auf Zeit, werden ihr Werk und das ihrer Kollegen vor 100 Jahren schätzen und bewahren.

Alles Stabile im Raum ist nun so gebaut, dass es wieder 100 Jahre tragen und halten kann.

Möge diesem Raum, möge dieser Stadt, dieses Schicksal in Frieden geschenkt werden.