Rede

zur Veranstaltung 20 Jahre erfolgreiche Unternehmen am 13. September 2010


Es gilt das gesprochene Wort!

 

In fast atemberaubender Geschwindigkeit änderte sich innerhalb von 11 Monaten die Welt.
Nichts schien plötzlich unmöglich.
Nichts was bisher von ewigen Bestand schien konnte diesen Anspruch halten.
Wir hatten uns die Freiheit gewünscht, ersehnt und schließlich erkämpft.
Aber was würde sie wirklich bedeuten?
Hier in unserer Stadt, die sich gerade auf den Weg machte, wieder Chemnitz zu sein?
 

 

Anrede,
Sehr geehrter Herr Präsident Lohse, sehr geehrte Unternehmerinnen und Unternehmer,
Sie haben Ihr Unternehmen genau in dem Jahr gegründet, das für ein solches Vorhaben sicherlich das schwierigste, unsicherste aber auch aufregendste Jahr unserer jüngeren Geschichte war.

Eine Gründung im Jahr 1990 brauchte vor allem Mut. Denn sie bedeutete entweder die Etablierung des Unternehmens unter den Rahmenbedingungen der DDR, von denen jeder wusste, dass sie zu Ende gehen würden. Oder unter den neuen Bedingungen des wiedervereinigten Deutschlands, von denen noch niemand sagen konnte, wie sie in der Praxis überhaupt zu handhaben sind.
Und manchmal lag die Tücke und Chance einer Unternehmensgründung 1990 eben gerade in diesem historisch ohne Beispiel verlaufendem Prozess der Wiedervereinigung zweier 40 Jahre getrennter Staaten und Wirtschaftssysteme.
Jeder und jede von Ihnen hat seine/hat ihre eigene Geschichte. Alle wären es wert, sie zu erzählen. Sie sind ein zeitgeschichtliches Zeugnis. Und sie sind ein wichtiger Teil unserer Stadtgeschichte.

So unterschiedlich die Voraussetzungen für eine Gründung im Jahr 1990 sein konnten, so unterschiedlich waren auch ihre Motive dafür. Es gab die potentiellen Unternehmerpersönlichkeiten, die sich in der DDR nicht entfalten konnten und nur darauf warteten, die eigene Produkt- und Geschäftsidee zum Erfolg zu führen. Oder den ehemals verstaatlichten Familienbetrieb endlich wieder selbst zu führen.

Es gab die Macher aus der zweiten Führungsebene der VEB-Kombinate, die, zumindest mit einem Teil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ihre Produkte in einem sich gewandelten Marktumfeld behaupten wollten und behaupten mussten.
Manchmal war es wohl auch der Mut der Verzweiflung. Es durfte einfach nicht sein, dass alles was in der DDR erdacht, entwickelt und gekonnt wurde, nichts mehr Wert war.

So war ihre Initiative auch Hilfe zur Selbsthilfe. Und der wohl entscheidenste Grund, Chemnitz treu zu bleiben.

Es gab auch die mittelständischen Unternehmer aus den alten Bundesländern, die Betriebe kauften. Sie erkannten ihre Chancen und nutzten die Potentiale der gut ausgebildeten, fleißigen Chemnitzer Fachkräfte.

Und schließlich gab es aber auch Unternehmenskäufe aus ausschließlich spekulativen Gründen, ohne jede Absicht, Produktion und Beschäftigung aufzubauen. Diese Spekulanten sind längst nicht mehr unter uns und das ist gut so.

Aber nicht alle Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich wie Sie bereits 1990 auf den Weg zur Verantwortung für einen eigenen Betrieb machten, haben es geschafft.
Die einsetzende schlechte Zahlungsmoral, Unternehmenspleiten von Auftraggebern, persönliche Schicksalsschläge, falsche Berater, Überforderung, unsensible Banken: Es gab viele Gründe, nach 1990 trotz großem persönlichen Einsatz auch zu scheitern. Zwanzig Jahre in dieser Zeit zu bestehen, ist eine große Leistung, die nicht allen gelingen konnte.
 

 

Anrede,
als Sie Ihren Handwerksbetrieb, Ihr Planungsbüro, Ihre Dienstleistungsfirmen, Ihr Industrieunternehmen gründeten, schwankte die Stimmung auch in Chemnitz zwischen Euphorie, Pragmatismus und Ungewissheit.

Mut, Selbständigkeit oder gar Unternehmertum gehörten nicht zum Ausbildungsprogramm in der sozialistischen Planwirtschaft. Ich war zehn Jahre alt, als 1972 das Textilunternehmen meines Großvaters – wie alle Unternehmen dieser Art, die es bis dahin durchgehalten hatten – verstaatlicht wurde. Das Familienleben drehte sich im Grunde um diese kleine Insel der Eigenständigkeit. Und doch war bereits dafür in der DDR kein Platz mehr. Um so bemerkenswerter ist es, wie die Handwerker, Einzelhändler und Kleinunternehmer weiter durchhielten, die nicht zwangsverstaatlicht wurden.

So gibt es in unserer Stadt auch Unternehmerinnen und Unternehmer, die ihr Familienunternehmen in der 2. 3. oder 4. Generation führen. Sie blicken auf 25 oder über 50 Jahre Unternehmensgeschichte. Im nächsten Jahr feiern wir 100 Jahre Neues Rathaus. Ich werde dies zum Anlass nehmen, um diese Unternehmer - ihre Leistungen – zu würdigen.
Auch dabei werden uns viele Geschichten an ein Stück Stadtgeschichte erinnern. Unternehmertum unter den Bedingungen der Planwirtschaft.

Dabei förderte die Planwirtschaft der DDR auch – oft unfreiwillig bis zum Kuriosum – Talente und Eigenschaften, die sich später auf dem schwierigen Weg zum Unternehmer in der Marktwirtschaft als hilfreich und gelegentlich überlebensnotwendig erwiesen.

Ohne Improvisationsgeschick, Zusammenhalt der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Verzicht, Organisationstalent und Beziehungen – heute Netzwerke genannt – wäre vieles nach 1990 so nicht möglich gewesen.
 

Anrede,
Sie haben Chancen gesehen, – und Ihr Mut, diese Chancen zu nutzen, war größer als die Angst vor dem Risiko.

Mittelständische Unternehmen, größere und kleinere, sind heute das Rückgrat unserer Stadt. Chemnitzer Unternehmen sind in vielen Feldern wieder dabei, weltweit eine technologische Führungsrolle einzunehmen.

Es ist schon bemerkenswert, wie es durch Ihr Können, eine gute Ausbildung Ihrer Mitarbeiter, die Fähigkeit schnell zu lernen und weiterzudenken, gelungen ist, an die große Tradition unserer Heimatstadt anzuknüpfen.

Im leichten Überschwung, zu dem wir Chemnitzer selten neigen, möchte man meinen: es gibt in dieser Region Chemnitz wirklich ein Erfinder- und Unternehmergen, das zum Durchbruch kommt, wenn man es nur lässt.

 

Anrede,
ohne vollständig sein zu können, will ich noch wenige große Konzerne, wie z. B. VW und Siemens nennen, die DDR-Betriebe wie Barkas oder VEB Numerik, zu erfolgreichen Bestandteilen ihrer Konzernstruktur entwickelten.

Alle 1990 erfolgreich gegründeten Unternehmen lieferten gleichsam ein gutes Beispiel für Betriebe, die in den folgenden Jahren entstanden.
Auf ganz unterschiedlichen Wegen entstand so eine mittelständische Unternehmenskultur made in Chemnitz.

Zwischen ihren gewagten Anfängen und dem heutigen Tag liegen Entwicklungen über zwei Jahrzehnte. Die Transformation der staatlichen Planwirtschaft in die Marktwirtschaft war ein Prozess ohne jedes Vorbild. In Chemnitz waren rund 1 100 Unternehmen von der Treuhandanstalt zu privatisieren. Darunter mehrere große Kombinate.

Diese Wucht der Veränderung, die über die traditionsreiche Industriestadt hereinbrach, entfaltete eine große Kraft.
Zerstörerisch und chancenreich zugleich.
 

Anrede,
wer in diesen Tagen die Arbeitsmarktzahlen analysiert, stellt fest, dass ein Sinken der Arbeitslosenquote unter 10 % erstmals seit 20 Jahren wieder möglich scheint. Hinter den Zahlen steht zweierlei: Ein massiver Beschäftigungsabbau nach der Wiedervereinigung zum einen.
In vielen Fällen waren Unternehmen gezwungen, um sich am Markt zu behaupten, einen erheblichen Teil ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu entlassen. Die Dimension dieses Umbruchs wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, dass allein im verarbeitenden Gewerbe in Chemnitz sowie im öffentlichen Sektor fast 80 000 Arbeitsplätze weggefallen sind.

Zwar sind auch neue in anderen Branchen, vor allen bei den Dienstleitungen entstanden, doch bedeutete dies für die Menschen eine völlige Veränderung ihres Berufsumfeldes, ein Aneignen völlig neuer Kenntnisse und Fertigkeiten innerhalb kurzer Zeit.

Der Beschäftigungsabbau führte - das ist der zweite Aspekt - zu einem Problem, das uns quasi mit seinem Echo gerade jetzt trifft.
Mit der Abwanderung verlor die Stadt in den 90er Jahren viele aktive Menschen, die eben anderswo Familien gründeten. Deren Kinder heute nicht in Chemnitz, sondern an anderen Orten Deutschlands die Schulen besuchen, studieren, arbeiten.
 

Anrede,
Und gerade deshalb ist es von großer Bedeutung, dass durch die robuste wirtschaftliche Entwicklung der Unternehmen in unserer Stadt in den vergangenen fünf Jahren die Abwanderung gestoppt wurde. Im Jahr 2005 hatte die Beschäftigung in Chemnitz ihren Tiefstand nach der Wende erreicht.
Seitdem geht es kontinuierlich aufwärts.

Die erfolgreiche Entwicklung unserer Unternehmen und die damit neu entstehenden guten Arbeitsplätze sind die wichtigste Voraussetzung dafür, dass es gelingen konnte und kann, die Abwanderung zu stoppen und in einen Zuzugsgewinn zu verändern. Im vergangenen Jahr sind 400 Menschen mehr nach Chemnitz gekommen als gingen und auch in diesem Jahr stabilisiert sich dieser Trend.
 

Anrede,
diese gute Entwicklung, trotz Wirtschaftskrise ist auch Ihr Verdienst. Sie haben mit Ihrer Initiative, Ihrem Mut, Ihrer Beharrlichkeit diesen Erfolg möglich gemacht.
Das ist umso bemerkenswerter, weil die wirtschaftliche Entwicklung von Chemnitz und unserer Region – vorsichtig formuliert – lange Zeit nicht gerade im Fokus der Wirtschaftsstrategie des Freistaates Sachsen lag.

Erst in den vergangen zwei bis drei Jahren wird immer häufiger öffentlich die Frage aufgeworfen, warum die Entwicklung in Chemnitz zum Teil positiver verlaufen ist, als in den beiden Zielgebieten der Leuchtturmstrategie der Landesregierung.
Oder wie die Wochenzeitschrift „Die Zeit“ 2010 schrieb: „Chemnitz ist in vielen Bereichen der wirtschaftlichen Entwicklung an Dresden und Leipzig vorbeigezogen.“ Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, Prof. Ulrich Blum,. formulierte es, in der ZEIT, so: „Wenn ich heute Aktien von einer ostdeutschen Stadt kaufen müsste, dann wären es welche von Chemnitz.“
 

Anrede,
Ihr unternehmerisches Engagement in Chemnitz geht einher mit einer großen Verantwortung und Verbundenheit mit Ihrer Stadt und deren Entwicklung.
Sie engagieren sich nicht nur für Ihr Unternehmen, sondern auch für Chemnitz. Viele Leistungen im Bereich der Kultur, des Sports und auch des sozialen Lebens sind ohne privates Engagement nicht mehr vorstellbar.

Dafür möchte ich Ihnen an dieser Stelle ganz herzlich danken. Auch dabei knüpfen Sie an eine reiche Tradition in Chemnitz an.

Mit Ihren vielen Netzwerken, die längst über die Region und die nationalen Grenzen hinaus gewachsen sind, sind Sie aber auch wichtige Botschafter der Stadt. Viele von Ihnen wollen dies sein und nehmen diese Rolle auch gerne aktiv an.

Auch dafür danke ich Ihnen. Wir brauchen diese Botschafter, damit Chemnitz in Sachsen, Deutschland und darüber hinaus den Ruf bekommt, den es sich verdient und erarbeitet hat.
 

Anrede,
Nicht nur die Entwicklung der Unternehmen hat nach einer Phase großer Schwierigkeiten und Umbrüche eine bemerkenswerte und zum Teil beispiellose Entwicklung genommen. In weniger als 15 Jahren, einer für die Entwicklung von Städten kurzen Periode, ist es in Chemnitz gelungen, einen neuen modernen und architektonisch interessanten Innenstadtkern zu schaffen und mit urbanen Leben zu füllen. Auch hier ist die Entwicklung nicht abgeschlossen. Auch hier gibt es keinen Anlass zu Selbstzufriedenheit. Die Entwicklung muss, wie in Ihrem Unternehmen, egal wie groß es ist, weitergehen.

Dabei sind die finanziellen Rahmenbedingungen – anderes als in den 90er und 2000er Jahren – spürbar härter geworden. Die Solidarpaktmittel sinken deutlich. Die Finanzkrise hat die Kommunen schwer getroffen.

Trotzdem geht es, vor allem durch private Investoren, weiter. Im Oktober können wir das „Bürgerhaus am Wall“ in Besitz nehmen. Rund 300 städtische Mitarbeiter kommen in die Innenstadt zurück und sind dort für unsere Bürger da. Die neue Jugendherberge am Getreidemarkt wird von unserem neuen starken Unternehmen, der „eins Energie in Sachsen“ zu Ende gebaut und 2011 fertig sein. Herr Kellnberger baut das Rawema Haus, die ehemalige Bundesbank und das Sparkassengebäude zu Büro-, Wohn- und Geschäftshäusern um. Wir bauen den Wall weiter und vergrößern den Stadtkern. Das Haus der Archäologie – das Schocken - befindet sich im Umbau und wird voraussichtlich 2013 eröffnet.

Eine weitere, entscheidende Initialzündung ergibt sich durch die intensive Zusammenarbeit mit unserer Universität und dem Freistaat.
Die Aktienspinnerei als neue Zentralbibliothek lässt ein lebendiges Uni-Karree bis zum Brühl entstehen. In den nächsten zehn Jahren wird so die Verbindung zwischen Stadtkern, Hauptbahnhof – der bis 2013 mit rund 130 Mio. EURO in die Jetztzeit modernisiert wird und Grundlage ist für das Chemnitzer Modell – und Unigebäude entstehen.

Dabei rückt unser intellektuelles Kraftfeld, unsere TU, auch in den Fokus der Stadtentwicklung.
Prof. Speer hat uns auf diesem Weg begleitet und spricht von der Begabung, die Chemnitz auszeichnet. Das sind ihre Industrie, Technologie, Wissenschaft und ihre Anwendungen.
 

Anrede,
am vergangenen Wochenende haben wir in Chemnitz die Tage der Industriekultur mit der Langen Nacht der Unternehmen gefeiert. Dabei wurde ein Bogen geschlagen von der über 200 jährigen stolzen Industriegeschichte der Stadt zu den technologischen Spitzenprodukten der Gegenwart. Auch andere Regionen in Deutschland haben eine solche Industriegeschichte. In vielen ist dies heute jedoch nur Anlass, mit Wehmut auf vergangene Größe zurückzuschauen.

In Chemnitz ist diese Tradition hingegen die Grundlage für die Entwicklung einer modernen, dynamischen und zukunftsgewissen Industrie. Es ist kein Zufall, dass Chemnitz „eine Spätschicht“ der Industrie feiern konnte, wo Unternehmen die Tore ihrer Produktion für die Bürgerschaft öffnen.
Dabei wünsche ich mir, dass viele Chemnitzerinnen und Chemnitzer die Begabungen ihrer Stadt, die sie selbst mit ausmachen, mit mehr Stolz und Selbstbewusstsein tragen.
 

Anrede,
in wenigen Wochen feiern wir 20 Jahre deutsche Wiedervereinigung. Das wir in Chemnitz in vielen Bereichen eine positive Zwischenbilanz ziehen können, ist auch Ihr Werk.
Sie haben mit Ihrer Unternehmensgründung 1990 das Fundament mit gegossen, auf dem wir unsere Stadt heute weiterbauen. Sie haben Ihren ganz persönlichen Anteil daran, dass wir – ohne jede Selbstzufriedenheit – mit Zuversicht und Ehrgeiz unsere Zukunft anpacken können.
Sie haben der Stadt gedient und sich um Chemnitz verdient gemacht.
Deshalb ist es mir ein ganz persönliches Bedürfnis und eine Ehre, Sie zu bitten, sich in das Goldene Buch der Stadt Chemnitz einzutragen.