Festrede

zum Festakt "20 Jahre Friedliche Revolution" am 7. Oktober 2009 in der Markuskirche


Es gilt das gesprochene Wort!

 

7. Oktober 1989, ein Samstag, 19:00 Uhr. Ein Land im Herzen Europas liegt unter einer großen Last. Angespannt ist die Stimmung. Sie schwingt sich auf zwischen

– Bangen und Hoffen,
– Verzweiflung und Mut,
– Abwarten oder Handeln.

Eines ist an diesem Tag bereits gewiss: Die Lethargie ist zu Ende!

Die offiziellen Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR gehen in Berlin ihrem Höhepunkt entgegen. Eine absurde, realitätsverlustige Inszenierung.
Die Staats- und Parteiführung feiert sich selbst. Ein letztes Mal. Abgeschottet vom Volk. Dessen Signale sind eindeutig: Ein „Weiter so“ wird es nicht geben. Der letzte ist der spannungsreichste Geburtstag der Deutschen Demokratischen Republik.

Liebe Chemnitzerinnen und Chemnitzer,
sehr geehrte Abgeordnete,
sehr geehrte Ehrenbürger,
werte Gäste,
sehr geehrte Festversammlung,

ich begrüße Sie herzlich zu unserer Festveranstaltung. Gemeinsam wollen wir erinnern an den Herbst 1989. In die deutsche und europäische Geschichte sind diese Ereignisse als friedliche Revolution eingegangen.
 

 

Anrede,
ein tiefer Riss, der sich schon lange vorher hinter der Staats-Fassade ausgebildet hatte, bricht in den Oktobertagen 1989 unübersehbar durch die immer dünner werdende Haut jener zur Schau gestellten Kulisse, die bei Erich Honecker „real existierender Sozialismus in den Farben der DDR“ heißt.

Die Farben des Sozialismus sind grau. Der Riss geht inzwischen durch das ganze Land. Er geht durch die Gesellschaft. Er geht, und das ist unerträglich geworden, auch durch Familien.

7. Oktober 1989, Karl-Marx-Stadt: Großstaffellauf auf der Straße der Nationen. Wie jedes Jahr.

Doch diesmal ist es nicht wie jedes Jahr. Ein Demonstrationszug mit etwa 700 Menschen bewegt sich am späten Vormittag schweigend vom Luxorpalast in Richtung Zentralhaltestelle. Keine Fackeln, keine Blauhemden, keine DDR-Fahnen. Keine bestellte Demonstration. Aber das wohl stärkste Zeichen, auf das viele, viel mehr als mitgehen, gehofft hatten.

Den Karl-Marx-Städtern, die sich zu dieser Zeit in der Innenstadt befinden, bietet sich ein unfassbares Bild.

Die Zentralhaltestelle und die umliegenden Straßen sind von Polizei-Kräften regelrecht verriegelt. Mit Räumschilden ausgerüstete Fahrzeuge stehen wie eiserne Monster.
Beängstigend der Anblick von Schutzschilden, Schlagstöcken, Wasserwerfern. Polizeistaffeln mit Hunden, Kampfgruppen ziehen auf. Über den Köpfen kreist ein Hubschrauber. Sein Dröhnen lässt alles beinahe surreal wirken.

Was werden sie tun, die Kampfgruppen, die Volkspolizisten, die Staatssicherheit, wenn das Volk der Aufforderung, den Platz zu verlassen, nicht folgt? Was, wenn die mutigen Demonstranten einfach weiterlaufen?
Die Menschen werden an der Zentralhaltestelle eingekesselt. Entsetzen macht sich breit, als die Polizei die Demonstration mit Gewalt auflösen will. Wasserwerfer peitschen. Es wird geprügelt.

Ich stehe unter den inzwischen vielleicht tausend Karl-Marx-Städtern, genau so fassungslos wie alle, angewidert von dieser so unbezwingbar scheinenden Gewalt.
Neben mir ein Jugendlicher. Er fragt laut und deutlich einen schräg vor ihm stehenden Mann: „Herr Direktor, ist das Ihr Sozialismus?“

Am Schweigemarsch beteiligte Demonstranten, aber auch völlig unbeteiligte Personen, werden verhaftet. Sie werden menschenunwürdig behandelt, erniedrigt und in die Untersuchungshaftanstalt auf dem Kaßberg eingesperrt.
 

 

Anrede,
in den Gesichtern nicht weniger Angehöriger der Kampfgruppen, die meist mit Arbeitsschutzhelmen und Knüppeln ausgestattet die Demonstranten einschüchtern sollten, spiegeln sich auch Unsicherheit und Unbehagen wider.

Sind da unter den Demonstranten nicht auch Nachbarn, Kollegen, Mitglieder des Sportvereins, Freunde oder sogar Familienangehörige? Der Sohn? Die Tochter? Sehen so Konterrevolutionäre und Staatsfeinde aus? Auf welcher Seite stehe ich? Welche Seite ist die richtige?

Einige wissen von Plänen, das Internierungslager eingerichtet werden sollen. Internierungslager um Regimegegner wegzusperren. Und das hier, mit unserer Geschichte. Es sollte doch das bessere Deutschland werden.

Ein Wechsel der Emotionen zwischen Hoffnung auf Deeskalation und dem Wissen um den Ernst der Stunde. Alle Beteiligten bewegt die Frage: Wie groß ist die Gefahr, dass die Staatsmacht ihr eigenes Volk niederschießt?
Fernsehbilder tauchen im Kopf auf, Angst vor einer „chinesischen Lösung“, vor einem Massaker wie auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking.

Die Staatsmacht demonstriert an diesem Tag, an diesem 7. Oktober 1989, gewaltsam ihre Macht. In Karl-Marx-Stadt sollte es ihr letzter großer Auftritt sein. Das wissen zu dieser Stunde allerdings weder die Mächtigen selbst noch die Menschen, die mutig nach Veränderungen in Staat und Gesellschaft streben.

Und so gehört sehr viel Courage dazu, als am gleichen Abend eine Protestresolution der Theaterschaffenden unserer Stadt für Veränderungen im Lande von der Bühne des Schauspielhauses verlesen wird.
Der minutenlange befreiende Applaus des Publikums bringt noch einmal die Bestätigung: Dieses Land steht am Scheideweg. Und es sind nicht mehr nur einige wenige, die das so sehen.

„Hoffnung“, sagt Václav Havel, „Hoffnung ist … die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht.“
 

 

Anrede,
die DDR-Bürger informieren sich, wo immer es geht, seit langem mit dem Deutschlandfunk und dem Westfernsehen. Die Ereignisse in Karl-Marx-Stadt und anderen Städten des Landes werden trotzdem von den staatlichen Medien der DDR ignoriert, diffamiert, mitunter auch beides gleichzeitig.
Das „Neue Deutschland“ titelte anlässlich des 40. Jahrestages der Gründung der DDR: „Die Entwicklung der Deutschen Demokratischen Republik wird auch in Zukunft das Werk des ganzen Volkes sein“. Die Redakteure sollten Recht behalten – nur eben anders als sie es gemeint hatten.

Das Kalkül der SED-Führung, dass die Jubiläums-Feierlichkeiten und fröhliche Volksfeste zu einer Entspannung der Lage in der DDR führen würden, war nicht aufgegangen. Mit dem Verkauf sonst nur schwer erhältlicher Waren wie Originaljeans oder Südfrüchte sollte noch einmal Normalität oder Aufschwung vorgetäuscht werden. Doch auch damit ließen sich die Bürgerinnen und Bürger nicht mehr ruhig stellen. Zumal dies für viele auch nicht entscheidend war.

Es war unübersehbar, dass die von der immer gleichen Propaganda unaufhörlich verkündeten Erfolge und die real existierende Wirklichkeit der Menschen immer weiter auseinandergedriftet waren. Verglich man seine eigenen Lebensumstände mit denen, die in den staatlichen Medien vorgespielt wurden, so stellte sich nur die Frage: Ist das eine Komödie, ist es eine Tragödie?
 

 

Anrede,
„Die Revolution ist die Notwehr des Volkes, das in seinen heiligsten Rechten gekränkt ist.“ So sagte es der Publizist und Diplomat Lothar Bucher in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die tiefste Kränkung des Volkes der DDR fand 1961 statt. „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Ein Satz, im Juni 1961 vom Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht auf einer Pressekonferenz für die Öffentlichkeit formuliert, fundamentierte die Lebenslüge eines Staates. Es war eine Lüge für die Welt und eine Demütigung für die Bürgerinnen und Bürger der DDR.
Denn eben diese Grenze, die sich nur wenige Wochen später schloss – scheinbar endgültig –, riss Familien auseinander, trennte Freunde und mauerte ein ganzes Volk in Unfreiheit ein.

Der Eiserne Vorhang war geschlossen. Er wurde zugleich zum Limes zwischen den Staaten des Warschauer Paktes und der NATO. Die Armeen auf beiden Seiten verfügten über Atomwaffen.

Die Welt erstarrte für lange Zeit unter einem „Gleichgewicht des Schreckens“ im „Kalten Krieg“.

Im Verlaufe der Jahrzehnte kam es im Ostblock zu Perioden der „Eiszeit“ und des „Tauwetters“. Die DDR war davon stets mit betroffen. Eine Reihe von Ereignissen und Strategiewechsel der DDR-Führung lassen sich darin einordnen.

Als Beispiel sei nur der Umgang mit Künstlerinnen und Künstlern genannt. Honecker wurde 1971 neuer Partei- und Staatschef. Es gab Anzeichen, dass eine liberalere Haltung gegenüber der Kunst und den Kunstschaffenden Einzug halten könnte.

Es war ein Hauch von Hoffnung auf etwas Freiheit im Geiste.
Die Ausbürgerung Wolf Biermanns nur fünf Jahre später erstickte diese Hoffnung. Enttäuschung breitete sich aus.
Viele Künstlerinnen und Künstler verließen das Land. Sie wurden – vielleicht ohne es zu wollen – zum Vorbild ihrer Generation.

Doch egal, ob die Künstler gingen oder blieben: Mit ihren Liedern, Gedichten und Theaterstücken gaben sie der Kritik und den Sehnsüchten der Menschen in der DDR eine Stimme. Und es war eine Saat, die im ganzen Land – verborgen oder offen – keimte.
Kultur vermag viel mehr, als wir manchmal wahrzunehmen im Stande sind.

Und so trifft es sich, dass unser heutiger Festakt zugleich den Beginn der diesjährigen „Begegnungen“ bedeutet.
Das Festival steht 20 Jahre nach der friedlichen Revolution unter dem Motto „Grenzen-los“. Das Programm erinnert an eine Zeit in Grenzen und an die Zeit, als Schlagbäume fielen. Es fragt nach Aufbrüchen, nach Wendeschicksalen, nach dem Zusammenwachsen.
 

 

Anrede,
Herbst 1989. Glasnost. Offenheit. Perestroika. Umgestaltung. Diese einfachen Worte verändern die Welt. Doch Honecker und die gesamte DDR-Führung, gefangen in Selbstbetrug, Mutlosigkeit und Ignoranz, verkennen die Situation. Sie verkennen Michail Gorbatschow. Es ist der letzte, der entscheidende Fehler, bevor sich der Vorhang der jahrzehntelangen Inszenierung schließt.

Die Bilder der DDR-Flüchtlinge in Ungarn und in Prag, die befreienden Worte von Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der Prager Botschaft, die jubelnden jungen Flüchtlingsfamilien mit ihren Kindern, die Züge durch die DDR, die Gewalt der Sicherheitsorgane auf den Bahnhöfen entlang der Strecke: Die Vielen die einen Ausreiseantrag stellten und gingen, oft keine 30 Jahre alt. Ärzte, Facharbeiterinnen, Studenten, sie lassen Freunde, Heimat, Familie zurück und teilen das Land innen wieder neu.
All das mündet in einen großen Drang nach Veränderung.

Und die Sowjetunion ist plötzlich keine Bedrohung mehr. Im Gegenteil: Michail Gorbatschow bedeutet Hoffnung für die Menschen in der DDR. Der Ausreiseantrag – allein 1988 saßen in der DDR 110.000 Menschen auf gepackten Koffern – die Flucht soll nicht mehr der einzige Ausweg sein.
 

 

Anrede,
die Menschen in der DDR waren rege und fleißig. Sie waren daran gewöhnt, zu improvisieren, darauf eingestellt, sich selbst und anderen zu helfen. Trotzdem war das Land nicht nur ideologisch, sondern auch ökonomisch und ökologisch ausgelaugt.
Und viele, die nicht gehen, sondern bleiben wollten, stellten Fragen, suchten Antworten und andere Auswege. Die Kirchen, auch hier in unserer Heimatstadt, boten dafür Raum und Zuwendung. Initiativen für Menschenrechte, für Frieden, und Umweltgruppen erhielten hier eine Plattform.

Es war eine merkwürdige Stimmung, die sich in den Monaten vor dem Mauerfall über das Land legte. Der Lyriker Uwe Kolbe beschreibt sie so: „Es war ein endloser Herbst. Ein Herbst, der nicht enden wollte.“

In dieser drückenden Atmosphäre leisten Pfarrer zum Teil Großartiges. Sie geben Schutz, so weit es geht. Sie geben Ermutigung, Zuspruch und Orientierung.
Dass es eine friedliche Revolution wird in Plauen, Leipzig, Dresden, Karl-Marx-Stadt, Cottbus oder Berlin, dass die Deutsche Demokratische Republik ohne Blutvergießen zu Ende geht, das ist auch den Kirchen zu verdanken.

Hunderttausende im ganzen Land sind es, die in den Wochen nach dem 7. Oktober auf die Straße gehen. Sie rufen: „Keine Gewalt!“ Und hier in Karl-Marx-Stadt steht Karl Marx plötzlich in einem Meer aus Menschen und Kerzen.
Vielleicht ist das der Zeitpunkt, wo das Denkmal wirklich in dieser Stadt und in den Herzen der Menschen ankommt. Vielleicht ist es der Grund, warum er stehen geblieben ist.
 

 

Anrede,
20 Jahre sind seit dem Wendeherbst vergangen. Viele von Ihnen waren 1989 dabei, an den Ereignissen direkt beteiligt. Jeder Einzelne von uns hat deshalb auch seine persönliche Sicht, seine ganz eigene Geschichte.

Schwer zu sagen, wie viele Zeitzeugen es allein in unserer Stadt gibt. Über 100.000 mögen es sein.
Das macht die Würdigung und die Aufarbeitung unserer Geschichte authentisch, aber auch nicht einfach. Das gilt ebenso für mich und es gilt auch für diese Rede.

In Vorbereitung des Festaktes und aller anderen Veranstaltungen rund um den 7. Oktober und die friedliche Revolution habe ich deshalb Persönlichkeiten aus unserer Stadt gebeten, uns dabei zu beraten und zu unterstützen.

Ich danke dafür ganz herzlich:

Herrn Christoph Magirius, dem ersten Ehrenbürger unserer Stadt nach der friedlichen Revolution,
Herrn Dr. Peter Seifert,
Herrn Hartwig Albiro,
Herrn Martin Böttger,
Herrn Dr. Eberhard Langer.

Ich danke auch Frau Heike Richter-Beese für die Leitung des Beirates sowie allen Mitwirkenden der Stadtverwaltung Chemnitz, die zum Teil ebenfalls zu den Aktiven der Wendezeit gehören.
Sie haben das heutige Festprogramm zusammengestellt.

Dankbar müssen wir jenen sein, die mit ihrem Einsatz vor zwei Jahrzehnten dazu beigetragen haben, den Lauf der Weltgeschichte zu verändern. Weil sie hier in Karl-Marx-Stadt waren, Mut hatten, viel riskierten.
Einige von Ihnen sind heute hier. Ihre Namen kann ich nicht einzeln verlesen, aber ich kann Ihnen sagen, dass es mir viel bedeutet, dass Sie unter uns sind. Sie alle wollten, so hat es erst vor wenigen Tagen Hans-Dietrich Genscher formuliert, Freiheit erreichen und haben Geschichte geschrieben.
 

 

Anrede,
jedes große Ereignis der Geschichte trägt Botschaften und Gewissheiten für die Zukunft in sich.
Die übergroße Mehrzahl der Bürgerinnen und Bürger der DDR wollte Freiheit. Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Reisefreiheit. Freie Wahlen und demokratische Grundrechte. Das ist erreicht.

Vieles von dem, was im Sommer 1989 noch unerreichbar schien, ist uns heute selbstverständlich geworden. Grundwerte, die wir in Anspruch nehmen.

Doch das große Glück, erfolgreich für diese demokratischen Freiheitsrechte gekämpft zu haben, trägt im persönlichen Leben nicht immer Früchte.
Mancher ist bitter enttäuscht worden. Heute schleicht sich, so scheint es, mitunter ein Riss durch die Gesellschaft, wenn es um die Frage geht: Was war früher besser? Was war leichter? Und wie lebte es sich eigentlich in der DDR?

Die offizielle Erinnerungskultur bewegt sich nicht selten polarisierend zwischen Verklärung und Abscheu, zwischen „So war es nicht“ und „Doch, genau so“. Auch hier gibt es eben über Hunderttausend Zeitzeugen allein in unserer Stadt. Hunderttausend Biografien und Blicke auf die eigene Vergangenheit.
Doch auch Erinnerung verlangt Verantwortung, das genaue Hinsehen, Ehrlichkeit.

Die DDR ist für unsere Kinder und Enkel bald nicht mehr und nicht weniger als ein Stück Geschichte.

Für mich ist das, was vor 20 Jahren im Herbst 89 geschah, der Beweis, dass Verhältnisse veränderbar sind, wenn Menschen mutig sind. Wenn sie Verantwortung übernehmen, wenn sie zusammenhalten.

Und wenn wir ins Heute zurückkehren: Ja, Demokratie kann anstrengend sein. Die Ergebnisse sind nicht immer gerecht. Und sie sind auch nicht immer richtig.

Aber wir haben – und das unterscheidet eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft grundlegend z. B. von der DDR – wir haben die Instrumente zur Auswahl derer, die repräsentativ entscheiden. Politiker üben ihr Amt auf Zeit aus. Sie müssen sich öffentlich rechtfertigen. Und: Wir alle können ohne Angst verschieden sein. Genau das macht die Demokratie zu einer streitbaren und zugleich selbstbewussten Form des Zusammenlebens.
Wir können uns entscheiden, für eine Sache zu sein oder dagegen. Oder wir können nach einem Kompromiss suchen. Das ist ein Glück – und zugleich eine große Verantwortung: Freie Wahlen, wie sehr haben wir uns das vor 20 Jahren gewünscht. Endlich mitentscheiden, wer zeitlich begrenzt, Verantwortung in Stadt und Staat übernehmen darf? Und trotzdem hat nicht einmal jeder Zweite 2009 bei der Kommunalwahl seine Stimme abgegeben. Ist die Sehnsucht nach Freiheit größer als die Einsicht, dass Freiheit nicht selbstverständlich ist?

Sich entscheiden zu dürfen, heißt, sich positionieren zu müssen. Davor sollten wir nicht zurückschrecken, nur weil es vielleicht nicht für die eigene Mehrheit reicht oder weil es unbequem sein könnte.
Demokratie braucht Meinungsvielfalt und sie braucht Mitstreiter. Freiheit ohne Demokratie wird es nicht geben. Sollten nicht gerade wir das wissen?
 

 

Anrede,
Im Herbst 1989 haben die Menschen in der DDR etwas geschafft, das jahrzehntelang undenkbar schien: Sie haben die Mauer von innen zum Einsturz gebracht. Die friedliche Revolution war, im allerbesten Sinne, ein Volksentscheid.

Erinnern wir uns an den Satz, der vor zwei Jahrzehnten die Demonstrationen des Herbstes prägte: Wir sind das Volk.

Er gilt noch heute.